FAQ - 30
Wie haben früher die Luftschiffer während der
Fahrt die Fahrthöhe ermittelt ? Schließlich gab es keine elektronischen
Hilfen der heutigen Art !
Wer sich im Internet bei
Wikipedia
und anderen Seiten über aeronautische Geräte informieren
will, fällt in ein mittlerweile bekanntes mysteriöses
Informationsloch. Daß Informationen durch Löschen von
Webseiten verschwinden, dürfte auch weniger versierten Mitmenschen
einleuchten. Das Verschwinden von Wissen ist jedoch keine Erscheinung
der letzten Jahrzehnte. Techniker kennen das: es verschwinden manuelle
technische Fertigkeiten, das Wissen von der Herstellung und Anwendung
von Gerätschaften, ihre technische Definition und natürlich
ihre Wirkungsweise. Wikipedia & Co. können da vielfach nicht
weiterhelfen, da die Geräte heute nur noch in Museen existieren,
im Einsatz kaum mehr verwendet werden.
In diesem Zusammenhang soll auch an eine
Eigentümlichkeit aus der Ballon- und Lenkluftschiffahrt erinnert
werden, die heutzutage fast vergessen ist. Zur Höhenbestimmung
wurden
Aneroid-Barometer benutzt, deren Skalen nach Metern geeicht waren. Vor
Beginn einer jeden Ausfahrt stellte der Ballonfahrer bzw. Luftschiff-Steuermann die Skala auf Null
Meter
Höhe ein: selbst wenn sich die Örtlichkeit viele Meter
über
Normalnull (
º Meeresspiegel) befand
-
sonst wäre die Sache noch mehr kompliziert worden (siehe die
folgenden
Erklärungen).

Nach der barometrischen
Höhenformel sinkt mit je 11 Meter Höhenunterschied (nach
oben)
der Luftdruck um 1,333 hPa
[º
Hekto-Pascal], das entspricht 1,333 Millibar (das ist die alte
Maßeinheit). In 100 Meter Höhe war der
Luftdruck
also um 13,33 mb geringer. Leider ist, wie jeder
weiß,
der Luftdruck nicht immer und schon gar nicht überall gleich.
Änderte
sich während der Fahrt der Luftdruck bzw. fuhr das Luftschiff in
eine
Zone höheren Luftdrucks ein, so zeigte der Höhenmesser (das
Aneroid-Barometer)
"fehlerhaft" an . Denn wurde das Wetter
besser,
d.h. der Luftdruck stieg um z.B. 13,3 mb, so las man auf dem
Höhenmesser
100 Meter weniger an Höhe ab, als man tatsächlich fuhr !
(siehe z.B. den tragischen Verlust des ameikanischen Marineluftschiffes
USS "Akron" (ZRS 4). -
Wollte
man den systemimanenten Fehler im Griff behalten, bedurfte es eines
zweiten
Barometers, genauer gesagt eines Barographen, der tatsächlich
über
eine auf den Luftdruck bezogene Skala verfügte, die nach Millibar
bzw. damals noch nach Millimeter (Quecksilber-Luftdrucksäule)
geeicht
war. Der Barograph zeichnete die gefahrene Höhe, d.h. die
Luftdruckveränderungen, auf einem Registrierstreifen auf. Dieses Log war Bestandteil des vom
Kommandanten
zu erstellenden Fahrberichtes.
Bei schlechten
Sichtverhältnissen,
"in der Hitze des Gefechts" (wie auch immer zu verstehen), kam es
manchmal
vor, daß das Barometerproblem "vergessen" wurde
-
oder die Wetternachrichten hatten mal wieder ihre Lückenhaftigkeit
bewiesen. Lag eine Schicht warmer Luft über dem Erdboden, konnte
es
ebenfalls zu einem plötzlichen Durchsacken des Luftschiffes
kommen,
da sich je nach Temperaturdifferenz die Tragfähigkeit des Gases
(eventuell
sogar dramatisch) veränderte. Die Folge waren unerwartete Boden-
und
Baumberührungen, die nicht immer glimpflich ausgingen.
Zur
Höhenmessung gab
es noch andere, mehr oder weniger aus der Not geborene Verfahren.
Gegen Ende des
Krieges
warf man eine leere*1 Seltersflasche in die Tiefe. Die eintauchende
Flasche
erzeugte auf der Meeresoberfläche starken Schaum, den man gut
sehen
konnte*2. Kombiniert mit einer Stoppuhr konnte man so mit Hilfe der
Formel
"9,81 mal die gemessenen Sekunden mal Sekunden (also quadriert) geteilt
durch 2" die Höhe in Metern errechnen. Allerdings mußten
immer
Flaschen der selben Sorte verwendet werden, da die Geschwindigkeit, mit
der die Flasche nach unten fiel, sonst eine andere gewesen wäre
(bedingt
durch den - eventuell - unterschiedlichen Luftwiderstand). Die
Normwerte
hatte man vorher in einer Versuchsreihe ermittelt. - Ein zweiter, nur
sehr wenig bekanntes Verfahren basierte auf der Idee eines
Luftschiffers und wurde dem bekannten Physiker
Alexander Behm
vorgetragen. Professor Behm ist der Erfinder des Echolots, das auch
heute noch für die meisten Nautiker ein wichtiges
Meßgerät ist. Auf dem LZ 127 "Graf Zeppelin" wurde ein
Verfahren eingesetzt, das sich Knall-Echolot nannte. Nach den
Berechnungen vom Behm wurde ein Pistolenschuß ausgelöst und
per Stoppuhr die Echozeit gemessen. Die halbe Zeit bis zum Vernehmen
des Echos war dann die Höhe in Metern. Das Verfahren war durchaus
praktikabel, aber halt nur auf Luftschiffen einsatzbar. Von daher fand
disese Verfahren, von Behm patentiert, keine weitere Verbreitung. -
Aber selbst diese Notbehelfe
war oft nicht anwendbar
- dann half nur
noch
Beten und Instinkt, das Gefühl einer Fledermaus.
*1 eine volle wäre in der Höhe vereist
oder
zersplittert
*2 auf der Erde war der Aufschlag nur schlecht
sichtbar,
diese Methode war also im wesentlich nur über See anwendbar,
leider
...
Barographenstreifen des Marineluftschiffes L 15 vom 1. Februar 1916
Ergänzungen zur (bekannten / vergessenen) Terminologie