Arbeitskreis
für Marine- und Heeres- sowie Luftschiff- und Seeflieger-Geschichte




Funkentelegrafie und Peilfunk
in der deutschen Kriegsluftschiffahrt





FAQ 26 
Über die Luftschiffe, ihre Konstruktion und ihre "Lebensgeschichte" gibt es auf  vielen Seiten Informationen und Hinweise. Zur Kriegsluftschiffahrt gehört aber zum Beispiel auch die Anwendung der Funkentelegrafie (wie sie damals meist genannt wurde) sowie die Verwendung des Peilfunks, eine frühe Form der Navigation per Funk. Es gibt diverse Geschichten, daß die Verluste des Heeeresluftschiffes LZ 77 unter Hauptmann Horn am 22. Februar 1916 und am 5. August 1918 des Marineluftschiffes L 70 unter Kapitänleutnant Lossnitzer auf unsachgemäßem Gebrauch der Funkeinrichtung zurückzuführen sei. Was ist daran richtig ?

Erste Abteilung

Die Anwendung des Funks in der militärischen Luftschiffahrt (Deutschland 1914 - 1918)

Die Funkentelegrafie hielt erst relativ spät Einzug in die Luftfahrt. Das erklärt sich aus den damaligen Geräten, die noch recht klobig, schwer und teilweise schwierig zu handhaben waren. Mit dem Beginn des Weltkrieges werden alle Einheiten zügig mit Funk ausgerüstet, natürlich auch die Luftschiffe. Die Versorgung mit Hardware, wie wir im heutigen modernen Sprachgebrauch sagen, war selbstverständlich nur ein Teil, wenn nicht sogar der geringere Teil der Anwendung. Der sensiblere Teil der Funkerei war die sogenannte Kryptoware, die Codes und ihre Anwendung im täglichen Dienst. Man muß sich darüber im Klaren sein, daß man grundsätzlich jeden Code knacken kann. Die Sicherheit eines Codes hängt vom Verfahren ab. In der Regel ist es so, daß Hochsicherheitscodes aufwendigere Verfahren benötigen, als Codes mit geringerer Sicherheit. Es wird also von Fall zu Fall entschieden welches Verfahren praktikabel und sinnvoll ist. 

Die Luftschiffe arbeiteteten mit einem Rufzeichen, das aus drei Buchstaben bestand. Sie wurden etwa dreimal im Jahr geändert. Die Heeresluftschiffe hatte einen noch einfacheren Rufzeichencode. Er bestand darin, daß man die ersten drei Buchstaben vom Nachnamen des Kommandanten benutzte. Das erscheint auf den ersten Blick abwegig und nicht sinngerecht. Tatsächlich ist die Schlüsselsicherheit eines 3-Buchstaben-Codes recht gering. Es gilt abzuwägen, ob man den Code entblößt (durch relative leichte Zuordnung von Schiff, Funker und Code, siehe weiter unten) oder besser nur eine Rufzeichenverschleierung wählt. Eine wirkliche Sicherheit kann nur eine radikale Einschränkung des Funkverkehrs bis zur totalen Funkstille bringen. Aus diesem Grunde werden zum Teil auch heute noch 3-B-Codes verwendet.

Die Zuordnung der drei Parameter Code - Schiff - Funker ließ sich (unabhängig davon, ob ein Rufzeichen benutzt wurde oder nicht) relativ leicht bewerkstelligen. Denn die Technik war damals noch sehr individuell, sprich ein Massenprodukt mit charakteristischen Merkmalen. In heutiger Zeit haben Telegrafiesender durch quarzgenaue Frequenzeinhaltung alle einen sehr ähnlichen Sendeton und können im wesentlichen nur durch die Lautstärke unterschieden werden. Zu damaliger Zeit waren die Schwingkreise der Sender noch sehr unterschiedlich und längst nicht so frequenzgenau. Die verschiedenen Senderschaltungen (also die Elektronik bzw. Elektrotechnik) erzeugen einen sehr charakteristischen Sendeton*1. Das kam durch die Abweichung vom Frequenzsoll, d.h. ein bestimmter Sender war immer um einige Hertz ober- oder unterhalb der Sollsendefrequenz. Dies wiederum erzeugte im Telegrafieüberlagerer des Empfängers eine ganz bestimmte Abweichung vom, für den Funker, hörbaren Sollton 1.000 Hertz. Also konnte der feindliche Horchfunker schon beim Ertönen des Senders erahnen, wer wer war. Die unterschiedlichen Lautstärken (gleich Entfernung bzw. Sendestärke des Senders) taten ein übriges. Kannte man nun noch die Morse-"Handschrift" des Funkers, konnten die drei Kriterien den Sender ziemlich genau identifizieren. Ein Rufzeichenwechsel hatte daher einen nur begrenzten Sinn bzw. Wert, da das alte Rufzeichen sehr schnell dem neuen zugeordnet werden konnte. Damit war der Code entblößt. - Die genutzten Frequenzen der Luftschiffe richteten sich natürlich nach den Geräten, die technisch damals möglich und erhältlich waren:

     Einsatzbereich der Funkgeräte von den Luftschiffern genutzte Frequenz-Bereiche
Sender   600 - 1200 m (= *** 500 khz - 250 khz)   250 - 375 khz (= *** 1.200 m - 800 m)
Empfänger   250 - 3.000 m (= *** 1.200 khz - 100 khz)   100 - 1.200 khz (= *** 3.000 m - 250 m)

*1    insbesondere die sogenannten Löschfunkensender, damals noch sehr verbreitete Funkausrüstung der Luftschiffe, 
        Schwankungen in der Funktonhöhe ergaben sich durch Laufzahl-Differenzen des Funk-Stromgenerators 
*** Umrechung der Wellenlängen in Frequenzen und umkehrt (die Wellenlängen und Frequenzen verhalten sich umgekehrt proportional)
       die Eigenschaften der Radiowellen wurden zu damaliger Zeit meistens in ihrer Wellenlänge ausgedrückt, heute verwendet 
       man die Frequenz  (Wechsel pro Sekunde)


Funkstation* des Marineluftschiffes L 30 - heute ausgestellt im Luftfahrtmuseum Brüssel
beim linken Bild ist die fest eingebaute Morsetaste (rechts unten) zu sehen ... es fehlt hier leider der Knopf an der Taste)
* Typ Telefunken ALS 49


Die Vorgabe von technischen Parametern ist die eine Sache, die Anwendung der selbigen dagegen eine völlig andere. So kann es auch nicht verwundern, daß Codebrecher in den allermeisten Fällen von menschlichen Unzulänglichkeiten profitieren. Manchmal läßt sich das nur schwerlich verhindern. Oft ist aber Gedankenlosigkeit oder noch schlimmer Dummheit und Nichtwissen der Grund für Kryptosicherheitsverstöße. So war es nicht ohne Grund Vorschrift bei einem Bombardierungsauftrag bzw. einem Einsatz mit sicher zu erwartendem Flakbeschuß das Marine-Signalbuch im Lufthafen zurückzulassen. Es durfte lediglich das sogenannte Handelsschiffsverkehrsbuch*1 (HVB) mitgeführt werden. Einige "Schüssel" des HVB entstammten einem internationalen Fernmeldeabkommen, sie waren also teilweise weltweit bekannt ... andere Teile waren ausdrücklich nur für die Verbindung mit deutschen Handelsschiffen vorgesehen und insofern "geheim" bzw. nur einem eingeschränkten Benutzerkreis zugänglich. - Als Eselsbrücke hatte der Funker zur Auflage beim Aufstieg zu bestätigen, daß nur das HVB an Bord sei. Leider ergründeten die gegnerischen Horchdienste sehr schnell diese Floskel ... und nutzten sie zum einen als Einbruchs-Schnipsel (d.h. bekannte Sequenz aus dem Funkspruch), zum anderen als direkter verwertbarer Hinweis, daß ein Angriffsunternehmen auf britisches Terretorium bevorstand ... und ...  - noch schlimmer - immer wieder entsprach die Botschaft an den F.d.L. nicht der objektiven Wahrheit. Vermutlich waren die verantwortlichen Offiziere (einschließlich des F.d.L.) der Ansicht, daß bei einem eventuellen Abschuß sowieso nichts vom Schiff übrigbliebe. Die Praxis hat Murphy`s Gesetz voll bestätigt. Den Absturz des Marineluftschiffes L 48 am 17. Juni 1917 überlebt der Wachoffizier Leutnant z.S. Otto Mieth in der Funkbude, die sich mitsamt der Kommandogondel vom Luftschiff gelöst hatte. Mit dem Soldaten überstanden aber auch die vorschriftswidrig mitgeführten Chiffrierunterlagen das Inferno. Auch aus dem Wrack des L 32 bargen die Briten am 24. September 1916 Schüsselunterlagen, ebenso wurden beim Absturzort des L 70 wertvolle Unterlagen aus dem Wasser geborgen (persönliche Aufzeichnungen Kommandant Lossnitzer sowie verschiedene Schlüssel - siehe Douglas H. Robinson "Deutsche Marine-Luftschiffe 1912 - 1918" Seite 358 / 359). Natürlich gerieten auch in anderen Fällen wichtige Unterlagen in die Hände des Feindes: 11. August 1914 (Dampfer "Hobart"), 26. August 1914 (SMS "Magdeburg"), 17. Oktober 1914 (Topedoboot "S 119"),  Januar 1915 (U-Boot "U 31). - Für den Unbedarften kann hier der Eindruck entstehen, daß nun alle Schlüssel korumpiert, d.h. nicht mehr brauchbar waren. Dem war aber nicht so.         
        In der Kaiserlichen Marine gab es im Laufe des Krieges insgesamt 26 voneinander unabhängig kursierende Schlüssel. Das HVB galt bespielsweise nur für Verkehre mit Handelsschiffen (deutsche wie ausländische). Die darin vorkommenden Kurzsignale wurden gegebenenfalls mit einem kurzzeitig gültigen Militärkode überschlüsselt. Für die rein militärische Verwendung gab es das Signalbuch der Kaiserlichen Marine. Hier waren alle Kurzsignale und Rufzeichen zu finden, die im militärischen Signalverkehr - per Signalflagge (mittels Flaggenalphabet) - oder Morselampe*2 -  oder im militärischen Funkverkehr als Grundtext verwendet wurden. Dieser Grundtext wurde dann mit dem gültigen Chiffrierkode verschlüsselt. Der Chiffrierschlüssel galt nur für einen kurzen Zeitraum (je nach Anwendung 1 - 30 Tage). Zum Signalbuch gehörte im militärischen Funkverkehr  unbedingt  das Verkehrsbuch*3. In ihm waren die gültigen Schüssel zu finden. Der Besitz bzw. die Informationen aus dem  HVB oder Signalbuch und/oder das Verkehrsbuch allein nützten noch wenig ... gleichwohl war es eine wertvolle Hilfe bei der Entzifferung der (feindlichen) Funksprüche.

Die korrekte Anwendung der Vorschriften ist sinnvoll und notwendig. Die Benutzung der Funkentelegraphie selbst ist ein ebenso wichtiger Punkt. Allgemein wird jedoch in der deutschen Marine zuviel gefunkt. Ein zu großer Anteil am Funkverkehr sind reine Routine-Abfragen und -Meldungen. Das erhöht beim feindlichen Horchdienst die Menge des homogenen Materials ... und um so einfacher ist es in den Schlüssel einzubrechen. Aber das ist es nicht allein. Auch der reine Funkverkehr an sich gibt dem Gegener wertvolle Hinweise. So werden die Luftschiffe bei der Abgabe der Funksprüche regelmäßig von den gegnerischen Peilbasen eingemessen. Damit läßt sich eine hervorragende Frühwarnung für die heimische Flak organisieren. Die Verluste des LZ 77 wie auch des LZ 95 sowie des L 70 gehen höchstwahrscheinlich auf das Konto eifrigen Funkverkehrs und der Einpeilung durch feindliche Ridetstationen (= Peilstationen). Wobei die Tragik es will, daß mit Hauptmann Horn (LZ 77) ein sehr aufgeschlossener Kommandant den Funkverkehr selbst überwachte und sich so den Funkoffizier einsparte. Sein Eigeninteresse an der Funkerei hat aber interessanterweise die Einpeilung bzw. den Abschuß des LZ 77 erst möglich gemacht ... Der Verlust des L 70 resultiert nach heutigen Erkenntnissen aus dem Umstand, daß sich an Bord des Marineluftschiffes außer der normalen Besatzung auch der Führer der Luftschiffe (F.d.L.) Fregattenkapitän Peter Strasser befand. Strasser bekannt für seine kompetente Führung ließ hier leichtsinnigerweise einen Funkpruch absetzen, der natürlich vom gegenerischen Horchdienst aufgenommen wurde. Die britischen Peilstationen ermittelten den Standort des Luftschiffes und gaben ihn unverzüglich an die eigenen Jagdflugzeuge weiter. Der Rest war einfaches fliegerisches Handwerk. - Aber nicht nur die Heimatluftverteidigung der Kriegsgegner profitierte von der ungezügelten Funklust deutscher Militärstellen. Im letzten Kriegsjahr war die Funkaufklärung der Briten so weit perfektioniert, daß sie Routinemeldungen der deutschen Aufklärungsluftschiffe richtig deuteten und gezielt Flugboote zu den erkannten Positionen der Luftschiffe schickten. Leider bemerkten die deutschen Stellen ihr Unvermögen (mangelnde Funkdiziplin, unnötige Funkmeldungen usw.) nicht und gaben dem mangelnden Kriegsglück die Schuld wenn mal wieder ein Zeppelin von einem Flugboot abgeschossen wurde. Das nach wie vor entunzureichende Technikverständnis deutscher Militärs zeigte sich auch hier.


*1    Das Handelsschiffsverkehrsbuch (HVB) wurde nur benötigt beim Handelskrieg per Prisenordnung. Es ermöglichte den Funk- und Signal-Verkehr (also per Signalflaggen) mit Handelsschiffen
        aller Nationen. Marineluftschiffe fuhren sehr viele Aufklärungseinsätze über See und meldeten ihre Erkenntnisse über Funk. In zwei Fällen hielten die Luftschiffe sogar die Dampfer an (L 23 und L 40).
        Dieses Verfahren wurde aber verboten, da es für die Luftschiffe zu gefährlichlich war (siehe U-Boot-Fallen, Baralong-Fall). Bei reinen Bombardierungsaufträgen waren sowohl das HVB wie auch
        die Schlüsselunterlagen überflüssig, da im Normalfall Funkstille herrschen sollte. Weiteres siehe unter Peilfunk, unten. Verwirrung herrscht bei vielen Menschen, weil im HVB sowohl offene als auch
        vertraulich einzustufende Kurzsignale  zu finden waren. (Details lassen sich nachlesen in Matti E. Mäkelä "Das Geheimnis der `Magdeburg´", Seite 119 ff.)
*2    auch Signalscheinwerfer, Klappbuchse oder auch Varta-Lampe genannt (ein Bild vom Einsatz der Morselampe im Dienstalltag der Fregatte "Bayern" - siehe auch Homepage )

*3    ab Mai 1917 wurde das Verkehrsbuch durch das "Flottenfunkspruchbuch" (kurz: FFB) abgelöst



allegorische Vision einer Küstenfunkstelle


Zweite Abteilung     

Die Anwendung des Peilfunks - Funknavigation in der Kriegsluftschiffahrt (Deutschland 1914 - 1918)

Bei diesem Verfahren ersetzt die Funkstrahlung die Lichtstrahlen der optischen Peilung. Es gibt bzw. gab aktive bzw. passive Methoden, auch Fremd- bzw. Eigenpeilung genannt. Bei der Fremdpeilung sendet das Luftschiff (das zu peilende Objekt) Funkzeichen. Ein Netz von Peilstellen wiederum gibt die eingepeilte Richtung per Morsezeichen an das Luftschiff weiter. Der große (gefährliche) Nachtteil dieser Methode ist die Funkaktivität des Luftschiffes, die natürlich auch von feindlichen Peilnetzen beobachtet wurde ... Bei der Eigenpeilung peilt das Luftschiff sprich der Funker an Bord mit Hilfe eines Peilempfängers*1 Funkaustrahlungen bekannter Sender. Das konnten normale Funkstationen sein aber auch feste Funkfeuer*2 mit einer eindeutigen Morsekennung.

Technische Neuerungen wie der Funk, die Telegrafie, die Anwendung von Schüsselverfahren wie auch die Navigation durch Funkpeilungen hatten naturgemäß einen schweren Start. Das war weniger durch die "komplizierte" Technik hervorgerufen, als durch das technische (Un)Verständnis der Anwender. Das sind in einigen Fällen die Funker selber, aber in den meisten Fällen die Befehlsgeber sprich Offiziere selber. Wie auch heute meinten damals viele Vorgesetzte, sie müßten sich mit den neuen Medien nicht auseinandersetzen. Von daher entsprachen weder ihre Vorstellungen noch die praktische Verwendungen des Funks  den militärischen Anforderungen an Geheimhaltung oder Notwendigkeit.
        Die Kriegsschiffe der Kaiserlichen Marine verwendeten die gleichen Frequenzen bzw. Wellenbereiche wie die Marineluftschiffe. Das war in einigen Fällen nützlich, in anderen Fällen sogar gefährlich. Ausgefeilte Sende- und Frequenzpläne wie sie heute überall üblich sind, gab es damals noch nicht. Das lag nicht nur an der technischen Ausrüstung. Man war einfach noch nicht so weit. Die Feststellung der eigenen gepgraphischen Position durch die Funkpeiler der verschiedenen Landstationen wurde gern und häufig genutzt. Leider gab es kein Verfahren das zu koordinieren bzw. Prioritäten festzulegen. Das wäre aber dringend nötig gewesen. Denn ein Seeschiff fährt mit relativ geringer Geschwindiigkeit und kann im Falle von Nebel im Zweifelsfalle manchmal auch einfach liegen bleiben. Die Luftschiffe verfügten zwar über einen recht großzügen Einsatzradius, mußten aber trotzdem ihre Treibstoffvorräte im Auge behalten. Von daher wäre es angebracht gewesen, den Luftschiffern bei Peilanfragen den Vorrang zu geben. Da es diese Anweisung nicht gab, herrschte hier meist das Recht des Stärkeren. Will sagen, die sendestarken Funkanlagen der Seekriegsschiffe waren im Vorteil. In der Folge kam es zu langwierigen Funkverkehren, die nicht nur die Anwender nervten, sondern auch dem feindlichen Horchfunker respektive seinen Peilfunkern von Vorteil waren. Sie peilten die Luftschiffe ein und wußten aus ihrem Funkverkehr welchen Auftrag sie gerade hatten. Das fiel auf Dauer auch den deutschen Oberen auf. Man versuchte das Problem zu lösen. Vor allem wollte man von dem aktiven Verfahren weg, bei dem das Luftschiff senden mußte und von daher einpeilbar war. Die Lösung konnte nur ein passives Verfahren sein, bei dem der Luftschiffunker nur noch Ausstrahlungen der Landstationen empfingen, aber selber nicht mehr sendeten sprich aktiv nicht in Erscheinung traten.

Bereits seit 1907 war ein Peilverfahren bekannt, das dazugehörige Patent (Bellini - Tosi) kaufte die Firma Telefunken 1912 . Sie kombinierte die eingekaufte Technik mit einem eigenen Antennensystem, das sich Sternpeiler nannte und später zum sogenannten Telefunken-Kompaß (siehe dazu auch die Telefunken-Zeitung - 1. Jahrgang No. 5 von 1912) weiterentwickelt wurde. Mit Hilfe des optimierten Sternpeilers ließen sich recht gute Peilergebisse erzielen. In der Folge ließ die Marineführung in Tondern, List auf Sylt, Nordholz, Borkum und Houtave bei Brügge (Flandern / Belgien)  Sende-Peilstellen erbauen. Diese Anlagen ließen sich sowohl für den Sende- wie auch den Empfangsdienst verwenden ... waren aber Teil des aktiven Verfahrens, bei dem (auch) die Luftschiffe senden mußten.
        Die Weiterentwickung, der Telefunken-Kompaß (hier ein animiertes Bild), wurde ein passives Verfahren (ab Frühjahr 1917 verfügbar), bei dem zwar nur die Landstation sendete, bei dem aber der Luftschiffunker ein Prozedere zu beachten hatte. - "Die Sendestationen bestanden aus jeweils 16 Antennenpaaren, welche die 32 Striche der Kompaßrose darstellten. Ein Drehkontakt, der alle 32 Sekunden einen vollständigen Kreis beschrieb, übermittelte reihum die Signale jedes der Antennenpaare. An Bord des Luftschiffes befand sich eine Stoppuhr mit einer Kompaßrose auf dem Zifferblatt. Ein Uhrzeiger drehte sich ebenfalls alle 32 Sekunden einmal um 360 Grad. Der Bedienende der Stoppuhr setzte ihren Zeigerlauf in Bewegung, wenn ein besonderer Ton die Übermittlung des Signals der »nördlichen« Antenne ankündigte. Wenn das Signal nicht mehr zu hören war, stoppte der Funker des Luftschiffes die Uhr; ihr Zeiger wies dann auf die Richtung der Sendestation zum Schiff hin. Zur genaueren Positionsbestimmung wurde das Prozedere fünfmal wiederholt und der Mittelwert genommen." (zitiert aus: Douglas H. Robinson "Deutsche Marine-Luftschiffe 1912 - 1918", Seite 318). Eine weitere - gut bebilderte - Erklärung in englischer Sprache findet sich auf der Seite "earlyradiohistory", die aus der Publikation "Popular Science Monthly, April, 1918, pages 632-634" zitiert.
        Die Zahl der Sende- bzw. Empfangs-Antennenpaare wurde später auf 45 gesteigert und erreichte damit eine noch bessere Richtwirkung sowohl der Sendungen wie auch des Empfangs. Die Eigentümlichkeit dieser Antennenkonstruktion ist auch in dem Fachausdruck erkennbar mit dem diese Anlagen bezeichnet wurden: "Richtungssendeanlage" (kurz: RSA) ... wie auch für die Peiler als "Richtungsanlage" (kurz: RA).

Militärische Anwendungen sind darauf ausgerichtet auch in extremen Situationen zu funktionieren (bereits zitiert, siehe Murphy`s Gesetz ), das heißt eine gewisse Redundanz ist immer sinnvoll. Für den Ausfall der speziellen (Kompaß)Stoppuhr*3 an Bord des Luftschiffes wurde ein zweites passives Peilverfahren etabliert. Im Winter 1917/18 errichtete die Kaiserliche Marine in Tondern und Kleve zwei 70 Meter hohe Sendemasten. Diese übermittelten ungerichtete Signale in gleich bleibendem Zeitraster - fünfzehn Minuten vor und fünfzehn Minuten nach jeder vollen Stunde -, und ein Luftschiff konnte von nun an seine Peilangaben mit dem eigenen Peilempfänger (siehe weiter unten) feststellen. Außer einer speziellen Peiluhr (siehe Beschreibung) mit Sekundenzeiger und einer so genannten Peilkarte (siehe Gnomonische Projektionsart) war hierfür keine spezielle Ausrüstung erforderlich. Schon früher hatten die Luftschiffe speziell "angepaßte" Karten für die Peilauswertung an Bord: (zitiert aus Goebel in "Afrika zu unseren Füßen - 40.000 km Zeppelin-Kriegsfahrten", Seite 13): "An Bord der Luftschiffe befand sich eine Karte des in Frage kommenden Operationsgebietes. Auf sie waren an denjenigen Stellen, wo sich Peilstationen befanden (Jambol, Konstanza usw.), Zelluloidwindrosen, wie die der Richtempfangsanlage nordsüdlich orientiert, aufgesetzt. So war es, sobald zwei Peilmeldung vorlagen, ohne weiteres möglich, den jeweiligen Standort des Luftkreuzers auf der Peilkarte festzulegen." (Zitatende).
        Es hat im Laufe der Zeit verschiedene Peilempfänger-Bauarten gegeben (denn - "die Technik entwicklet sich vom Primitiven, über das Komplizierte zum Einfachen" - siehe *5). Das Goniometer-Verfahren nach Bellini-Tosi (siehe Telefunken-Zeitung PDF) ist im Gegensatz zum mehr oder weniger (rein) mechanischen Peilrahmen-Verfahrens ein elektronisches und insofern fortschrittlicher, genauer ... und vor allem justierbar (durch eine Funkbeschickung). Die Firma Telefunken erwarb die Schutzrechte für das Bellini-Tosi-Verfahren bereits im Jahre 1912, also vor dem Kriege. Für das Jahr 1915/1916  ist eine Versuchsanordnung in der bekannten (äußerlich reduzierten, mechanisch unbeweglichen) Form überliefert. Diese Geräte hatten aber zu damaliger Zeit noch das Manko der geringen Empfindlichkeit. Für den reinen Frontbetrieb waren die Rahmenpeiler im Prinzip völlig ausreichend, auch wenn es durch die physikalische Ausbreitung der Funkwellen viele Peil-Abweichungen / Fehlerquellen gab. Ein häufiges Peilen konnte aber diesen Fehler auf ein praktisches Minimum reduzieren. Ein hochgenaues Peilen ist nur dann vonnöten, wenn es nur zu wenigen Peilungen kommt / kommen kann. Aufgrund des passiven Peilverfahrens und der im Abstand von 15 Minuten erfolgenden Ausstrahlung der entsprechenden bekannten Heimatsender war der Peilrahmen von seinen Möglichkeiten her völlig ausreichend. Das Ergebnis der Goniometer-Peiler war durch die Funkbeschickung (Fehlerdiagramm) präziser, aber im Endergebnis nicht wirklich besser. Auch muß man sich klarmachen wie viele Luftschiffe tatsächlich diesen Goniopeiler (1918) an Bord hatten (nur ein paar wenige). Sicherlich ist ein Peilgerät unter der Gondel technisch eleganter als ein Peilrahmen in der Funkbude ... das Endergebnis ist aber unter dem Strich gleich. In der Praxis war der Empfänger E 225a von Telefunken am weitesten verbreitet. Es gab aber bauliche Vorstufen. Der große Teil der Frontluftschiffe fuhr also mit (althergebrachten Rahmenpeilern.



*1            Bei der Literatur-Recherche  ist immer wieder festzustellen, daß selbst Akademikern bzw. hochgebildeten Personen nicht (ganz) klar ist, was denn der Unterschied von aktiven und passiven Peilverfahren
                ist,  welche spezielle Eigenschaften ein Peilempfänger  hat ... sie aber dennoch nicht die (logische) journalistische Schlußfolgerung ziehen und  gezielt recherchieren bzw. fragen ...
                          ein paar Beispiele:
                Dr. Wolfgang Meighörner (-Schardt) in "Wegbereiter des Weltluftverkehrs wider Willen", Seite 32: (Zitat) "Auf die Nutzung der an Bord befindlichen Peilstation verzichtete man wohlweislich, um dem
                Gegner keine Möglichkeit zur Aufklärung zu geben." (Zitatende).  Laut Aussage von  Goebel in "Afrika zu unseren Füßen - 40.000 km Zeppelin-Kriegsfahrten"; Seite 49, befand sich an Bord des L 59
                kein Peilempfänger, sondern nur die normale FT-Ausrüstung.  
                Douglas H. Robinson in "Deutsche Marine-Luftschiffe 1912 - 1918", Seite 318, rechte Spalte: (Zitat):  "Die spezielle `Luftschiffwelle´ blieb zudem vor Peilanlagen verschont. Das neue System funktionierte
                auch dann noch, wenn der Sender des Luftschiffes  außer Betrieb war; während des `lautlosen Angriffs´ war dies wegen der häufigen Motorenausfälle ein ständiges Phänomen gewesen." (Zitatende).  
                Das ist zumindest teilweise Unsinn, denn auch ein (Peil)Empfänger benötigt (ebenso wie eine Funksender)  Elektrizität für seine Funktion.  Die Motorenausfälle sind bekannt, bekannt ist aber auch,
                daß es Akkumulatoren an Bord gab, die den Sende- und Empfangs-Betrieb für weitere 30 Minuten sicherten ...
*2
        analog zu dem Begriff „Leuchtturm“ oder „Leuchtfeuer“ aus der Seeschiffahrt. Jeder Lufthafen hatte sein eigenes rundabstrahlendes (also nicht gerichtetes) Funkfeuer mit eigener spezieller Kennung. 
                Die Morse-Kennung wurde bei Bedarf (Nebel/nachts) als Lichtbalken senkrecht in die Luft gestrahlt.
*3            praktisches Beispiel, geschildert zum Fall des L 63 (Kapitänleutnant von Freudenreich, Angriff vom 5. / 6. Auhst 1918 in Robinson/Marineluftschiffe Seite 357 (linke Spalte)
*4            Die Peilantenne der fortschrittlichsten Empfänger ,der Goniometer-Peiler, war in den Boden der Funkkabine eingebaut und wurde bei Bedarf ausgefahren und dann verwendet.  
                Es gab keinen anderen (möglichen) Ort für diese Antenne, da die Aluminium-Struktur der Starrluftschiffe elekrische Funksignale wie ein Faradayscher Käfig abwies bzw. eliminierte ...
*5            "Die Technik entwickelt sich immer vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen." - Antoine de Saint-Exupéry, französischer Flieger und Schriftsteller 1900 -1944


Peilempfänger - Goniometer (Lorenz - 1915) und Rahmenpeiler (Telefunken - 1918)