Kam.
Obering. Max Elias , gebg. 30.4.1885, trat am 15. Juni 1910 auf
Zivil-Dienstvertrag zum damaligen Luftschifferbataillon in
Reinickendorf als Ingenieur für den Fahrdienst auf
Lenkluftschiffen der Heeresverwaltung. In den Jahren bis zum Krieg tat
er Dienst auf Parseval, Groß-Basenach, Schütte-Lanz und
Zeppelin-Luftschiffen. Mitte 1914 nach Friedrichshafen zur Abnahme
eines Z-Schiffes kommandiert dessen Fertigstellung wegen der
außenpolitischen Unsicherheit beschleunigt werden mußte.
Ende Juli Überführung des Schiffes, welches die Bezeichnung
Z.9 erhalten hat, nach Dresden. Dort erfolgt Mobilmachung und Anfang
August wird als vorläufiger Standorthafen
Düsseldorf-Stockum bezogen.
Bei Kriegsbeginn
sollten auf Grund einer erwirkten Kabinettsorder die vorhandenen
wenigen Fahringenieure Offizierrang bekommen. Die ihm angebotene
Feldwebel-Leutnants-Uniform lehnte Kam. Elias ab, dagegen beantragte er
seine Wiederaufnahme in die Offiziersaspirantensuite; er tat derweilen
Dienst in dem Rang seines Beurlaubtenstandes: als Unteroffizier.
Auszug aus seiner Rangliste:
am 15.9.14 erhielt er das E.K. II
am 15.3.15 zum Vizefeldwebel befördert
am 16.5.15 großen silbernen Ehrenbecher vom Chef des Feldflugwesens erhalten
am 14.7.15 zum Leutnant befördert
am 17.11.15 das E.K. I
am 25.9.19 zum Bezirkskommando I Berlin verabschiedet
Im
Verlauf des Krieges war er, nach Verlust des Z.9 durch feindlichen
Bombenabwurf, noch mit drei weiteren Schiffen u.a. über Calais,
Dover, Paris, Harwich, R.-Minsk, R.-Georgiews, Warschau, 2 mal
englische Küste, London, 2 mal Chalons usw. In seiner Erinnerung
haften eigene Erlebnisse, die tiefen nachhaltigen Eindruck hinterlassen
haben. Eine solche Schilderung, ein Bericht über seine erste
Kriegsfahrt mag folgen.
Am 8. August 1914 lag der Z.9 in
seiner Halle bei Düsseldorf in Erwartung des mit großer
Spannung herbeigesehnten Befehls zu einer Fahrt nach der Westfront. Das
Ergebnis endloser Telefongespräche unseres Kommandanten Hauptmann
Horn, mit dem Hauptquartier ist:
Schiff fertigmachen zu einer Nachtfahrt;
es geht nach Westen, weitere Befehle überbringt ein für diese
Fahrt abkommandierter Generalsstabsoffizier. Für mich bedeutete
das wiederholte, sorgfältigste Kontrolle, vor allem der
Maschinenanlagen, der Betriebsstofflagerung und der Übernahme von
"Bomben". Wir hatten damals noch keine; es wurden an deren Stelle
aptierte Artilleriemunition und zwar 15 cm und 21 cm Granaten
mitgenommen. Das Einbringen und Aufhängen dieser Dinger im Schiff
war nicht ganz einfach, da vor allem die "Garnierung" der Geschosse
unbeschädigt bleiben mußte. Diese reichlich primitive
Vorrichtung sollte die Granate nach dem Abwurf am Überschlagen
hindern und bewirken, daß sie mit der Spitze aufsetzte; ferner
waren die Kopfzünder durch Blindverschraubungen ersetzt;
sogenannte Kugelzünder mit Vz. (Vorzünder, der Webmaster)
wurden in den Geschoßboden eingeschraubt.
In den allerersten Kriegstagen war von
Luftschiffkameraden bereits einiges Lehrgeld gezahlt worden. Als Folge
hiervon kam der Befehl: es wird nur noch bei Nacht geflogen und
zwar ohne jegliche Beleuchtung. Zum Zum Verständnis für das
Nachfolgende müssen ein paar Tatsachen vermerkt werden:
- Als sogenannte kriegsmäßige Fahrthöhe wurden 1.500 Meter über dem Boden als ausreichend angesehen
- Wegen
Explosionsgefahr durch Knallgas sollte nur in dringendsten Fällen
von den auf der Plattform befindlichen schweren M.G.´s Gebrauch
gemacht werden, aus dem gleichen Grund war die Benutzung von
elektrischen Lampen jeder Art im Schiff streng verboten.
- Die Luftschiffgondeln waren offen
- Der
Betriebsstoff wurde in ein paar großen Aluminiumbehältern,
von denen jeder ca. 450 Liter faßte, mitgeführt; diese
Fässer waren querliegend oben im Laufgang untergebracht.
Betriebsstoff erhielten die Motoren durch Falleitungen.
- In jeder Gondel befanden sich schwere Asbestdecken, zum Ersticken von Benzinbränden.
- Laut
Dienstvorschrift darf ohne Befehl keine Person der Besatzung ihren
Platz verlassen, mit Ausnahme des Ingenieurs, der kontrollierend
dauernd das Schiff abgeht.
Heeresluftschiff Z IX bei der Landung in Düsseldorf
Nach
Erledigung aller
Vorbereitungen wurde der Z.9 gegen 8 Uhr abends aus seiner Halle
gebracht, draußen abgewogen, Nase gegen den Wind gestellt, zog er
kurz darauf dröhnend nach Westen. Kurz nach Überfliegen der
Grenze waren trotz der schnell hereinbrechenden Dunkelheit an den
Spuren zu erkennen, welchen Weg unsere Truppen genommen hatten. Jetzt
wurde auch das Ziel der Fahrt bekanntgegeben: Erkundung der Umgebung
einer damals unter schwerem Feuer liegenden Festung und Abwurf der
mitgeführten Sprengstoffe auf näher bezeichnete Objekte. -
Innerlich froh, wie glatt und sicher bisher alles
sich anließ, tastete ich mich mal wieder durch den in
völliger Dunkelheit liegenden Laufgang. Das Geräusch der
Motoren und Propeller dringt nur sehr gedämpft zu mir, es wird
plötzlich übertönt von einem regelmäßigen
scharfen Takken. Das kenne ich doch ! M.G.-Feuer ! Ich wandere zur
Führergondel und melde

meinem
Hauptmann die gemachte Beobachtung; aus dem zwischen dem
Generalstäbler und ihm stattfindenden Gespräch entnehme ich,
daß auf dem zur Zeit überflogenem Gelände keine
Kampfhandlungen mehr stattfinden und daß man sich den unten
befindlichen Truppen als Freund zu erkennen geben müsse. Befehl an
einen der Steuerleute: in kurzen Zeitabständen aus einer der
mitgeführten Signalpistolen Sternsignale nach unten zu geben. Der
Erfolg nach Abgabe des ersten

Signals
war ebenso unerwartet wie verblüffend: Wie auf Kommando setzte
rasendes Maschinengewehrfeuer ein. Zu bemerken ist hier, daß
trotz des großen Zieles so ein Schiff bei Dunkelheit und
bedecktem Himmel kaum wahrzunehmen ist, die Schützen nach der
Richtung schießen, von wo der Motorenlärm kommt. Die
Situation änderte sich nicht mehr, wir flogen mit gleichbleibender
Geschwindigkeit auf unser am Horizont in Gestalt eines Riesenfeuerwerks
schwach sichtbar auftauchendes Ziel los, gaben weiter Sternsignale ab
und wurden unentwegt weiter beschossen. Das war unangenehm aber nicht
zu ändern.
Ich hatte
mich gerade wieder nach hinten in die Motorengondel begeben und
horchte, gebückt über den vorderen Motor diesen ab, als
plötzlich in starken Schwaden Benzingeruch an mir vorbeizog.
Schnelle Kontrolle der Zuleitungen und Vergaser ergab deren Intaktsein;
also nach oben und weiter suchen. Als ich mich aufrichtete, schlug mir
schlug mir Benzinstaub feucht ins Gesicht und unmittelbar darauf fingen
die beiden Motoren unter Abgabe langer Stichflammen aus Vergaser und
Auspuff an zu knallen. Das wurde ernst ! Die Maschinisten hatten noch
nicht erfaßt, was los war. Verständigung in der offenen
Gondel, dem Fahrwind voll ausgesetzt bei dem Lärm von Motoren und
Propeller war nur möglich, wenn man sich in die Ohren brüllt.
Gasdrosseln beider Motoren schließen, auskuppeln der Propeller
und Zündung abstellen. Dann Asbestdecken über die
heißen Maschinen werfen, all das habe ich wohl noch nie vorher so
schnell gemacht. Dann rief ich dem mir zunächst stehenden
Maschinisten ins Ohr: mit dem Werkzeug mir nachkommen !
Ich kletterte schleunigst in den Laufgang, die
Brennstoffleitungen abtastend, traf mich nach ein paar Schritten ein
fingerdicker Benzinstrahl ins Gesicht. Also der über der
hinteren Gondel liegende Tank wars ! Den Einschuß unten an der
Bauchfläche hatte ich bald gefunden; der Tank war noch nicht
angeschlossen gewesen, also noch ganz gefüllt. Das konnte nett
werden, wenn sich das Loch nicht stopfen ließ ! Ich hatte sofort
den Daumenballen meiner rechten Hand auf die Einschußöffnung
gepreßt, den Benzinstrahl somit abgequetscht und wartete nun den
Arm steif nach oben drückend auf den Maschinisten.
Zeitmaßstab hatte ich nicht, ich war sehr ungeduldig, meine
Stellung scheußlich unbequem, mir lief sachte und unaufhaltsam
Benzin den Arm entlang unter die Kleidung; von dem intensiven

Benzingestank werde ich langsam benommen; die Minuten verrinnen, kein Maschinist läßt sich blicken.
Diese Situation war trotz meiner großen
Erfahrung neu; alle weiteren Überlegungen werden durch ein mir nur
zu bekanntes Geräusch unterbrochen ! Gerade unter meinen
Füßen springt ein Motor wieder an, gleich darauf der andere,
am zunehmenden Brummen kann ich verfolgen wie die Propeller
eingekuppelt und Vollgas gegeben wird. Die beiden Maschinsten haben in
der Annahme, es sei mir gelungen die Leckage zu beseitigen, die
Motoren wieder anlaufen lassen und sind vielleicht noch stolz auf ihre
Selbstständigkeit !
Das
nun folgende spielte sich sehr schnell ab. Ich drehe meinen Körper
vorsichtig, ohne das Loch fahren zu lassen, nach der einige Schritt
entfernten, schwach sichtbaren Abstiegöffnung zur Gondel, springe
mit einem Satz zur Luke, mit einem weiteren runter in die Gondel
selbst; der bewußte vor mir auftauchende Maschinist fliegt der
Länge nach hin. Motoren abstellen, Asbestdecken
rüberschmeißen gelingt mir, bevor das Benzin erneut durch
den Bespannungsstoff des Laufgangs dringend, vom Fahrwind auf die
Motoren geblasen wird. Da wegen Lage des Einschusses das Loch mit
Bordmitteln nicht zu dichten ist, ließ ich rasch den
Einschuß erweitern, um nun rasch den Tank leer zu bekommen, die
Bespannung wird aufgeschnitten und ein Loch in den Gondelboden
geschlagen. Nach 10 Minuten war der Tank leer, die Bespannung, die
Motoren und die Gondel trocken. Jetzt konnte ich Befehl zum Anwerfen
der Maschinen geben, ohne Gefahr zu laufen, das Schiff in Brand zu
setzen. Um den Maschinentelegrafen hatte ich mich während der
letzten 15 Minuten nicht kümmern können; ich ging nach vorn
und machte meinem Hauptmann Meldung von dem Vorgefallenen.
Unsere Abwurfmunition sind wir in dieser
denkwürdigen Nacht allerdings nicht losgeworden, sondern haben sie
wieder mit nach Hause genommen, da der Verlust des ausgelaufenen
Brennstoffes unseren Aktionsradius zu sehr verringerte und der
inzwischen merkbar gewordene Gasverlust durch zahlreiche Treffer in und
durch die Gaszellen es tunlichst erscheinen ließ, kurz vorm Ziel
umzukehren. Ohne weiteren Schaden kamen wir in den Hafen zurück.
Nach erfolgter Reparatur wurde die Fahrt in der Nacht vom 24. auf den
25. August 1914 wiederholt*; diesmal mit vollem Erfolg, ohne
Zwischenfall. Die Besatzung des Z.9 erhielt in corpore das E.K. II.
Kamerad Max Elias, damals Fahringenieur auf Z.9
* erneut Angriff auf Antwerpen (der Webmaster)