Arbeitskreis
für Marine- und Heeres-
sowie Luftschiff- und Seeflieger-Geschichte
»Nicht daran rühren - eigene Traditionen wachsen lassen«
Nutzt die Deutsche Marine ihre eigene Geschichte ?
Eberhard Kliem
Copyright
Das
obige Zitat - bezogen auf die Frage der zukünftigen Traditionen
der Bundeswehr in den Jahren nach ihrer Gründung 1956 - wird
General Heusinger zu geschrieben. Nun sind mehr als fünfzig Jahre
vergangen,
die Bundeswehr ist älter als Wehrmacht und Reichswehr zusammen und
besteht auch länger als die deutschen Armeen des Kaiserreiches.
Grund genug also, sich Gedanken zu machen, wie insbesondere die
Bundesmarine / Deutsche Marine eigene Traditionen gebildet und diese in
ihrer militärischen Existenz verinnerlicht hat. Gemeinhin
anerkannt und politisch gewollt und verordnet sind Traditionslinien zu
den deutschen Freiheitskriegen gegen Napoleon, weiterhin zu den
Ereignissen des 20. Juli 1944 und
natürlich traditionswürdig ist die Zeit seit der
Gründung der Bundeswehr selbst. Die Marine darf sich
zusätzlich auf die Gründung der ersten deutschen Bundesmarine
im Jahre 1848 berufen.
Wie nun nimmt die Deutsche Marine diese
Möglichkeiten der Traditionspflege wahr ? Eine ideelle Verbindung
zu den Landkriegen gegen Napoleon herzustellen, wird einer Marine immer
schwer fallen, aber zwei der ersten von England 1957 übernommene
Fregatten der jungen Bundesmarine trugen immerhin die Namen SCHARNHORST und GNEISENAU.
Namensnachfolger nach ihrer Außerdienststellung in den siebziger
Jahren erhielten sie nicht, ebenso wenig gibt es Kasernen im
Marinebereich, die Namen aus dieser Epoche tragen. Übriggeblieben
sind je eine »Scharnhorstbrücke« und
»Gneisenaubrücke« in den Stützpunkten
Wilhelmshaven und Kiel und eine »Blücherbrücke«
an der Kieler Förde, die nur in früheren Zeiten von der
Marine genutzt wurde. Ebenfalls keinen Namensnachfolger hat die
Fregatte BROMMY erhalten, die lange Zeit in Flensburg stationiert war.
Die »Admiral Brommy-Kaserne« in Brake selbst - Ort der Stationierung der Bundesmarine von 1848 -
wurde
im Rahmen der Transformation aufgegeben und mittlerweile abgerissen.
Auch sie hat andernorts keinen Namensnachfolger erhalten. Das Grab des
Admirals auf dem Friedhof nahe bei Brake ist gut erhalten. Eine
Kranzniederlegung durch Vertreter der Marine hat dort nach Auskunft des
Küsters vor mehr als 10 Jahren das letzte Mal stattgefunden. An
anderen Marinestandorten gibt es keinen Hinweis auf diese erste Flotte
unter Schwarz-Rot-Gold. Bei einem Festakt in Leipzig - Geburtsort
von Brommy - und der Eröffnung einer Ausstellung in Brake war die
offizielle Marine jedoch hochrangig vertreten. Tröstlich ist es
auch, dass in diesem Jahr in Frankfurt am Main in der Paulskirche
sozusagen auf höchster Ebene der Gründung der Flotte gedacht
wird. Damit wird hoffentlich eine Tradition wieder aufgenommen, die der
unvergessene Admiral »Charly« Peter als Kommandeur des 3.
Minensuchgeschwaders mit einer Rheinfahrt bis nach Frankfurt und einer
Feierstunde in der Paulskirche bereits am 24. Oktober 1960 begonnen
hatte, die aber dann aus welchen Gründen auch immer nicht
fortgesetzt wurde.
An die Zeit der preußischen, der Marine
des Norddeutschen Bundes und schließlich der Kaiserlichen Marine
erinnert in der derzeitigen Deutschen Marine kein Schiff, keine
Kaserne, nicht mal ein Gedenkstein oder eine Plakette. Die Fregatten HIPPER, SCHEER und GRAF SPEE haben keine Namensnachfolger erhalten, aber es gibt es einen »Tirpitz-Hafen«, einen »Scheer-Hafen« und eine »Graf-Spee Brücke«. Die Männer des 20. Juli 1944 werden in der Marine geehrt durch den »Kranzfelder-Hafen« in Eckernförde, der an den Korvettenkapitän Alfred Kranzfelder
erinnert, hingerichtet nach dem 20. Juli. Es ist zu hoffen, dass er
wegen seines Einsatzes im Spanischen Bürgerkrieg an Bord des
Panzerschiffes DEUTSCHLAND nicht einem moralisierenden Zeitgeist zum
Opfer fällt wie bereits in einem anderen Fall geschehen. Die
Brüder Graf von Stauffenberg
- einer schließlich Marineoberstabsrichter - haben in der Marine
noch keinen Erinnerungsort erhalten. Hier gibt es erheblichen
Nachholbedarf.
Die
Marine der Bundesrepublik Deutschland ist ausschließlich von
Soldaten aufgebaut worden, die in der Kriegsmarine gedient haben. Sie
haben auch über viele Jahre die ersten neu eingetretenen
Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften ausgebildet. Ihnen
sollte also zu allererst der Dank für eine gelungene Aufbauarbeit
anlässlich der Feiern zum 50-jährigen Bestehen der Marine
gelten.
Unverständlich war es da, dass gerade diese Generation
auf der offiziellen Feier der Marine in Wilhelmshaven im Januar 2005
nur mit einem einzigen Offizier vertreten war. Und noch mehr irritiert
es, dass im selben Jahr auf einer Internationalen Tagung der
Militärgeschichte anlässlich der Gründung der Bundeswehr
vor 50 Jahren ein ehemaliger Wissenschaftlicher Direktor der
Führungsakademie der Bundeswehr in seinem Vortrag genau
dieser Generation pauschal »antidemokratische Grundhaltung und
enge Verquickung mit dem NS-Regime« unterstellt und sie als
»karriereorientierte, traditionsgebundene
Gewalttechnokraten mit einer durchgängig opportunistischen
Grundhaltung« bezeichnet. Mit Hinweis auf eine nur
persönlich vorgetragene Meinung und die Notwendigkeit des
wissenschaftlichen Diskurses wurde der sich artikulierende Protest
besänftigt. Der Text des Vertrages ist mittlerweile vom
Militärgeschichtlichen Forschungsamt als Tagungsband mit einem
lobenden und empfehlenden Geleitwort des Generalinspekteurs
veröffentlich worden. Auch andere offizielle Verlautbarungen -
immer unter dem Begriff der angeblich notwendigen »Dekonstruktion
von Mythen« veröffentlicht - zeigen in die gleiche Richtung.
Es ist offensichtlich, dass sich die Bundeswehr daran macht, die
Verbindungen zu ihren Vorgängerarmeen und deren Soldaten zu
kappen. Dabei vergisst sie, dass sie damit ihr eigenes Fundament
einreißt. Aus dem Nichts sind die Streitkräfte der
Bundesrepublik nicht entstanden.
Eine derartige
Geschichtsvergessenheit zeigt sich an vielen anderen Beispielen und
Verhaltensweisen: Die seinerzeit im Senatssaal des alten
Marineunterstützungskommandos in Wilhelmshaven ausgestellten
Erinnerungsstücke aus allen Zeiten der Marine sind nach dessen
Auflösung entweder spurlos verschwunden oder mangels Interesse der
Marine an weiterer Verwendung an das Bundeswehrmuseum Dresden gegeben
worden, wo sie im Archiv lagern. Eines der berühmtesten
Gemälde des Marinemalers Carl Saltzmann mit dem Titel »Ich
hat' einen Kameraden« zeigt die Besatzung eines Marinekutters auf
hoher See nach einem über Bord gegangenen Kameraden suchend. Die
Leihgabe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz befindet sich seit
Jahrzehnten in Wilhelmshaven in Dienstgebäuden der Marine. Es ist
pensionierten Angehörigen der Marine und der Bundeswehrverwaltung
zu verdanken, dass diese Ikone der Marinemalerei in Wilhelmshaven
bleiben kann. Die eigentlich doch schöne Tradition, von jedem
Inspekteur der Marine ein Gemälde fertigen zu lassen und diese
Reihenfolge an dem entsprechenden Ort wachsen zu sehen, ist bereits
nach Admiral Ruge
abgerissen. Sein Konterfei hängt etwas beziehungslos in der
Marineschule Mürwik. Sonst erinnert in der aktiven Marine an Ruge
oder gar an seinen Nachfolger Zenker mit der bewundernswerten Aufbauleistung beider Admirale nichts mehr.
In diesen Tagen wird das Schnellboot KRANICH als letztes Schnellboot der SEEADLER-Klasse abgewrackt. Es war 1972 als Dauerleihgabe an das Deutsche Schiffahrtsmuseum
gegangen, wo es im Laufe der Jahre durch mangelhafte Pflege wohl
bewusst dem Untergang preisgegeben wurde. Eine Schande für das
Museum, aber auch die Marine steht in schlechtem Licht da.
Unabhängig von möglicher juristischer Zuständigkeit, ist
der Symbolcharakter des abgewrackten Bootes aus der Gründerzeit
gerade kurz nach den Feiern zum 50. Bestehen der Marine ziemlich
vernichtend. Auch der Versuch der Bergung von Einzelteilen des Bootes
durch alte Schnellbootfahrer fand nicht die Unterstützung des
Museums. Zu hoffen ist, dass bei der anstehenden völligen
Neukonzeption des Museums der Ausstellungsteil Marine wesentlich besser
und modernen Erfordernissen und Erkenntnissen folgend, dargestellt
wird. Hilfestellung hierfür sollte die Marine auf jeden Fall
anbieten.
Das Militärgeschichtliche Forschungsamt hat im
Jahre 2005 in verdienstvoller Weise ein wissenschaftliches Werk
herausgegeben, das - ausschließlich bezogen auf die Entwicklung
konzeptioneller Vorstel-
lungen - den Weg der Bundesmarine nur bis
1972 beschreibt. Darüber hinaus gibt es verstreute
Veröffentlichungen über einzelne Probleme und besondere
Aspekte. Ein Gesamtwerk fehlt und ist wohl auch z.Zt. nicht geplant.
Biografien zu einzelnen Persönlichkeiten der Bundesmarine wie
Ruge, Zenker oder Johannesson fehlen ebenfalls. Auch über Raeder und Dönitz, die zweifelsfrei von großem, wenn
auch
indirektem Einfluss auf die sich bildende Marine waren, sind Biografien
nicht oder nicht auf dem neuesten Forschungsstand vorhanden.
Ganz
gewiss traurig steht es um die Erhaltung bewahrenswerter Traditionen
von aufgelösten Geschwadern und Einheiten der Marine. Früher
war es guter Brauch, dass damit aktive Einheiten an Land oder in der
Flotte betraut wurden. Auch der ist weitgehend abgerissen. Wer erinnert
sich noch an das 6. Minensuchgeschwader, das 2. Schnellbotgeschwader,
die legendären FLETCHER-Zerstörer, die Marinefernmeldeschule,
die amphibischen Geschwader oder die Marinestützpunkte in
Cuxhaven, in Emden, in Flensburg oder an die Keimzelle der Marine, die
Wiesbadenbrücke in Wilhelmshaven? Hier haben sich in 50 Jahren
wirkliche und bewahrenswerte Traditionen gebildet, aber sie werden
weder erkannt noch gepflegt noch genutzt. Und bald werden sie vergessen
sein.
In den fünfzig Jahren ihres Bestehens hat die
Bundeswehr mit ihren Soldaten sicherlich Hervorragendes geleistet - vom
Ausland meist mehr anerkannt und bewundernd zur Kenntnis genommen als
im In-
land angemessen gewürdigt. Die einzige Tat von
historischer Bedeutung, die sie als nationale Streitmacht zu
bewältigen hatte und dies auch glänzend geschafft hat, war
jedoch die Wiedervereinigung. Dies
müsste ein Höhepunkt in
ihrer und damit auch in der Tradition der Marine sein und einen festen
Platz in ihrem Selbstverständnis haben. Aber man sucht vergebens
nach irgendwelchen Orten, Denkmalen,
Erinnerungshinweisen,
wissenschaftlichen Arbeiten, Jahresappellen oder Vergleichbarem. Eine
Auszeichnung, gar ein Orden war des Stiftens nicht wert - eine Urkunde
DIN A4 verliehen nach fließenden Kriterien und noch mit falscher
Heraldik, war das Höchste der Gefühle. Bald wird auch dieser
Moment der Welthistorie in der Marine und damit der Stolz, daran
mitgewirkt zu haben, vergessen sein. Und bezeichnend ist es, dass per
öffentlichem Inserat Organisationen und Museen der Bundeswehr nach
Fotos und Dokumenten aus der Frühzeit der Streitkräfte
suchen. Die qua Amt dafür vorgesehen
Stellen sind
offensichtlich ihrem Dokumentationsauftrag nicht nachgekommen oder
vielleicht bestand ein solcher Auftrag ja gar nicht.
Wie ist
das Fazit ? General Heusinger hatte recht mit dem Hinweis, Traditionen
wachsen zu lassen. Sie sind gewachsen, aber offensichtlich nutzt die
Marine sie nicht oder nicht hinreichend. Fast kann man sagen, dass sie
ihre eigenen Aufbaujahre nicht mehr wahrhaben möchte. Personen,
Namen, Organisationen, Standorte sind in Vergessenheit geraten. Was mit
Stolz geschaffen und vollbracht wurde, wird so gut wie nicht und
bestimmt nicht kontinuierlich zur Identitätsbildung der Marine und
ihrer Angehörigen genutzt. Die wenigen Möglichkeiten der
öffentlichen Selbstdarstellung werden nicht genutzt, geraten zum
Desaster wie mit dem Untergang des KRANICH oder bleiben auf kleine
Kreise beschränkt. In vielen Standorten ist die Marine nicht mehr
präsent, Pensionäre mit naturgemäß immer weniger
aktuellem Wissen halten die letzten Stellungen. Der Eindruck verfestigt
sich, dass die aktive Marine dies ergeben hinnehmen möchte. Bei
einer Diskussion über das Selbstverständnis der Marine
äußerte ein nicht unumstrittener Marinehistoriker die
Meinung, solange die Marine selbst nicht aktiv ihr historisches
Selbstverständnis kläre, habe sie offensichtlich eine eigene
Tradition auch nicht nötig.
Doch ein bisschen Hoffnung
bleibt. Jede Generation schreibt die Geschichte neu. Dieser Prozess
beginnt sich abzuzeichnen. Junge Historiker haben einen anderen Blick
auf die Geschichte der Marine unter ihren verschiedenen Flaggen.
Manchem wird klar, dass nicht Hunderte von Jahren deutscher
Militärgeschichte per Erlass der »damnatio memoriae«
überantworten werden können. Und sagte
nicht vor einem Jahr der Verteidigungsminister sinngemäß, er könne sich vorstellen, dass der Große Kurfürst, Friedrich der Große und Moltke (horribile dictu)
eine positive Rolle in der Tradition der Bundeswehr spielen
könnten
?
zuerst erschienen in der Zeitschrift "Marineforum" - Ausgabe 5 / 2008
hier mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion (Mail vom 5. Juni 2008) gespiegelt
