Arbeitskreis
für Marine- und Heeres- sowie Luftschiff- und Seeflieger-Geschichte


Essay
Tradition + Diskussionskultur in Deutschland

Wenn alle nur übereinander aber nicht miteinander reden
oder wie man formvollendet aneinander vorbeireden kann

 

Siehe auch unter FAQ 12  "Der Umgang mit Traditionen in Deutschland"

 

Vorabbemerkungen 

Als ehemaliger Zeitsoldat (12 Jahre Bundeswehr) lese ich auch viele Jahre nach der Entlassung aus dem aktiven Dienst immer noch (gerne) Artikel und Diskussionen zum Thema Militär. Nach den 2plus4-Verträgen und der Vereinigung der deutschen Lande 1990 begann Deutschland politisch einen eigenständigeren Weg als es die Weltgemeinschaft bis dahin gewohnt war. Insbesondere die Polarisierungen, die sich mit dem 2. Irak-Krieg unter Georg W. Bush ergaben, wirken hartnäckig in das politische Bewusstsein deutscher Politiker und Bürger ein. Die Zeiten der parteiischen Neutralität sind lange passé. Deutschland muss und wird einen neuen, anderen Weg nehmen und seine Verantwortung gegenüber der Weltgemeinschaft (UNO, NATO, G8, usw.) übernehmen müssen. Das ist völlig normal. Doch was ist normal ? Dieser Terminus paßt immer dann, wenn sich die Mehrheit einer Gemeinschaft alltäglich eben so verhält. Das ist durchaus von Land zu Land bzw. Kulturgemeinschaft etwas anders definiert. Bekanntlich gibt es viele Logiken …, daß „was eben in einer (normalen) logischen (weil nachvollziehbaren) Abfolge passiert, findet vielfache Zustimmung, ist Konsens der Gemeinschaft. Diese Übereinstimmung in bestimmten Ansichten, kennzeichnet Volksgemeinschaften, Glaubensgruppen. Das Wort „Glaubensgruppen“ ist in diesem Fall nicht religiös zu verstehen, obwohl sicherlich auch religiöse Überzeugungen mitunter eine Rolle spielen.
 

Klärung der Fronten

In diesem Essay wird untersucht, wie bestimmte Gruppierungen in der (deutschen) Gesellschaft militärische Themen und Traditionen diskutieren, wie sie miteinander umgehen und inwieweit dies alles „normal“, sachgerecht und objektiv bzw. losgelöst vom historischen Kontext betrachtet wird bzw. betrachtet werden kann.

 Aus meiner Sicht gibt es grob gesagt drei „Fraktionen“, die sich wie folgt kurz charakterisieren lassen:

  1. konservative Patrioten
  2. verfassungspatriotische Denkbegrenzer
  3.  allgemeine Militärgegner und/oder geschichtslose Gutmenschen

Jede dieser „Fraktionen“ hat einen speziellen Zugang bzw. eine bestimmte Sichtweise, die mehr oder weniger stark eingeengt bzw. sektorisiert ist. Zum Teil gibt es da Überschneidungen bzw. Grauzonen. Fakt bleibt aber im täglichen Meinungskampf, daß jede der Parteien bis zu einem gewissen Grad recht hat. Oder, um es anders auszudrücken: „An jedem Märchen haftet ein Körnchen Wahrheit !“ In der Tat vertrete ich seit vielen Jahren die Ansicht, daß es immer mehrere Wahrheiten gibt. Den Diskutanten scheint eine derartige Einsicht jedoch fern zu liegen. Es wird logisch-unlogisch argumentiert (beides gleichzeitig !), die Ansichten des Gegners werden nicht argumentativ entkräftet, sondern in ein „anrüchiges“ Licht gesetzt, die Reputation des anderen mit allen lauteren und unlauteren Mitteln untergraben, mit Rundumschlägen a la „Auschwitz-Keule“ jeder Beitrag der Gegenseite totgeredet bzw. –geschrieben. Dies trifft leider immer wieder für alle dieser drei „Fraktionen“ zu, auch wenn dies meist der schwächer Streitende als Befreiungswaffe bzw. –schlag nutzt.

 

Das Image – Sein und Schein

Es gibt in der (deutschen) Gesellschaft Institutionen oder Strömungen die, wie die christlichen zehn Gebote, auch über „Parteigrenzen“ hinweg, eine breite Zustimmung finden. So wird beispielsweise die Existenz der nicht (sehr) beliebten Polizei allgemein als notwendig angesehen. Selbst Randgruppen, die aufgrund bestimmter Aktivitäten regelmäßig Kontakt zu dieser Institution haben, negieren nicht die Notwendigkeit der Polizei an sich. Es gibt also über alle gesellschaftlichen Interessenlagen hinweg einen Konsens in Bezug zu bestimmten staatlichen Einrichtungen. Warum nicht zum Militär, zur Bundeswehr?

Verfolgt man den Denkansatz weiter so müßten die genannten „Fraktionen“ zu gewissen Einsichten kommen … Wenn da nicht die bekannten „Scheuklappen“ wären.

Dieser Essay wurde bei mir initiiert durch eine seit einiger Zeit andauernde Leserbrief-Diskussion im Organ des Reservistenverbandes „Loyal“ Ende 2005 bis Frühjahr 2006 zum Thema Tradition in der Bundeswehr. Besonders markierend fand ich dabei die Zuschrift von Major John Zimmermann, Lehrstabsoffizier Militärgeschichte an der Offizierschule der Luftwaffe, der u. a. ausführte: (Zitat) „Die Überzeichnung eines `ruhmreichen´ deutschen Soldatentums der Vergangenheit dürfte bestenfalls im Einzelfall zutreffen und auch dann wäre die Definition eines solchen `Ruhmes´ angesichts der bekannten Ziele der deutschen Kriegsführung in der Geschichte zu hinterfragen.“ (Ende des Zitates aus „Loyal 02/2006)

Das erinnert mich wieder an die bekannte Methode „der Zweck heiligt die Mittel“. Was bedeutet, daß auch eine unrechtmäßige Tat eine positive Deutung findet, wenn nur der Zweck, das Ziel „das Richtige“ ist. Unrecht bleibt aber Unrecht, egal aus welchen Motiven und egal von wem es getätigt wurde. Soldaten handel(te)n in allen Zeiten aufgrund eines Befehls, sei er präzise angeordnet oder allgemein. Auch ist eine Tat an sich nicht schon allein deswegen unwürdig/würdig weil der entsprechende (politische) Hintergrund da ist. Wir erinnern uns. Vor gar nicht langer Zeit fiel der Name „Mölders“ in Ungnade. Es ging da um Kriegstaten eines hervorragenden Soldaten dessen persönliche (private) Biografie das Mißfallen bestimmter Stellen erregte. Es ist nachvollziehbar, dass die Gesamtpersönlichkeit eines Soldaten berücksichtigt werden muß, wenn er als positives Traditionsbeispiel dienen soll. Im genannten und auch anderen Fällen geht es jedoch nicht um konkrete (politische) Verfehlungen, sondern lediglich um die reine Mitgliedschaft in der NSDAP. Mölders wäre nicht der erste und sicher nicht der letzte  (siehe u. a. Ex-BRD-Außenminister Joschka Fischer und RAF + NPD-Aktivist Horst Mahler) deren Biografien von Brüchen und Wendungen gekennzeichnet sind. So mancher, der in seiner Jugend  bestimmten Gedanken und Idealen nachhing, wechselte später in das gegnerische Lager. Auch das ist als normal zu werten. Mölders war bei seinem Unfalltod 28 Jahre alt ... (auch) die Biographie des Grafen Stauffenberg verzeichnet die  Entwicklung vom  Hitler-Verehrer zum Widerstandskämpfer. Und dieser "Opportunist" soll heutigen Soldaten als Identifikation dienen ... (siehe Fischer, siehe Mahler usw.).

Soldatisches Tun und außergewöhnliche Taten (insbesondere in Kampfhandlungen) muß man aber getrennt vom geistigen Standpunkt des Soldaten beurteilen. Eine „ruhmreiche Tat“ bleibt auch dann außergewöhnlich, wenn der Täter der falschen „Partei“ angehört. Freilich muß unterschieden werden, zwischen der Tat an sich und der Figur des Soldaten als Vorbild für spätere Generationen. Es kann also nicht objektiv und sachgerecht sein, einen „Ruhm“ zu hinterfragen (Zitat Major Zimmermann). Allenfalls kann es gerechtfertigt sein, eine Benennung von Gebäuden, Kasernen oder Geschwadern im Zweifelsfalle zu unterlassen.

 

Die Bundeswehr – Sein und Schein 

Es ist allgemein bekannt, daß die Bundeswehr 1955/56 aus alten Kadern der Wehrmacht entstand. Die politisch Verantwortlichen sahen damals großzügig über so mancherlei problematische Fälle hinweg, denn ein Aufbau ohne diese Kader wäre schlicht nicht möglich bzw. nur mit großer Verzögerung möglich gewesen. Die NVA weist ähnliche Entwicklungen auf. Die Erziehung eines Soldaten beginnt bereits im Kindesalter und ist natürlich zeitgeistlichen Entwicklungen unterworfen. Genauso wie religiöse Bezüge aufgenommen werden, so haben auch andere Geschehnisse ihre Wirkungen auf die geistige Entwicklung des Menschen. Die Soldaten der ersten Jahre der Bundeswehr wurden geprägt durch Vorbilder aus der Wehrmacht und durch die Ereignisse in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre. Relaiv lange Wehrzeiten (im Bezug zur heutigen Dauer) und geringe Mobilität im privaten Bereich sowie rigide Ausgangsregelungen erzeugten einen anderen Typus von Soldat als er heute allgemein üblich ist. Kameradschaft war zu damaliger Zeit ein Muß. Nur im Kreise der Kameraden ließ sich der Dienst und seine Schwernisse gut überstehen. Hier wurde das gepflegt, was spätere Generationen von jungen Soldaten nur mit Irritation betrachten – sie erleben es so nicht mehr. Kurze Stehzeiten in der Dienststelle (meist nur ein paar Monate), großzügige Ausgangsregelungen (wer in der Kaserne bleibt, ist selber schuld) und allgemein eine hohe Mobilität durch Dauer-Freifahrt-Scheine bei der Bahn und/oder eigene Kraftfahrzeuge. So entsteht keine Identifikation mit der Bundeswehr, mit dem Militärischen und schon gar nicht mit geschichtlichen Ereignissen bzw. Traditionen. Ich habe es in meiner Zeit nach der Bundeswehr häufig erlebt, daß Bundeswehrstellen bzw. -Einheiten auf Anfragen in Bezug auf Geschichte, Tradition und Öffentlichkeitsarbeit hilflos agierten oder gar nicht antworteten, und war um so dankbarer, erstaunt und erfreuter wenn dennoch Kontakte bzw. Dialoge zustande kamen. Leider war letzteres eher die Ausnahme. Bei meinen Forschungen zur Heeresluftschifffahrt stellte ich immer wieder fest, daß die angesprochenen Stellen bzw. Offiziere keinerlei Ahnung vom geschichtlichen Hintergrund ihrer Waffe hatten. Wenn überhaupt, gab man mir zu verstehen, dass „da irgendwo ein Traditionsraum sei“ über dessen Hintergründe man aber gar nicht bis schlecht informiert sei … Begegnungen in meiner Heimatstadt Braunschweig mit der Besatzung der Fregatte „Braunschweig“ zeitigte gleiche Ergebnisse. Insbesondere den Offizieren war anzumerken, daß diese offizielle Besuche ihnen mehr Last als Freude waren, es gab nur wenige Ausnahmen … Man hatte wohl nicht realisiert, daß diese Besuche auch zum Auftrag der Streitkräfte gehören (siehe Öffentlichkeitsarbeit).

(Zur aktuellen Situation der Traditionspflege in der Bundeswehr / Bundesmarine siehe auch den Artikel von Eberhard Kliem) 

                

Die Fraktionen

Unwissenheit und Widerwillen ist auch das kennzeichnende Merkmal der „Fraktion“ „allgemeiner Militärgegner und/oder geschichtsloser Gutmenschen“. Deutsche wie auch international anerkannte Regelwerke werden häufig falsch interpretiert, sind unbekannt oder werden mit wünschenswerten Dingen verwechselt. Insbesondere die Haager Landkriegsordnung und die daraus entstehenden rechtmäßigen Tatbestände blendet diese Gruppierung regelmäßig aus. Ein sachlicher Dialog mit diesen Menschen ist oft schlicht unmöglich, da man mit „religiösen Eiferern“ nicht diskutieren kann. Daß Militär zu den Exekutivkräften  eines jeden souveränen Staates gehört, wird gegen jedes bessere Wissen bestritten … und daß ausgerechnet eine rot-grüne Bundesregierung die ersten deutschen Kampfeinsätze nach dem Ende des Krieges 1945 anordnen mußte, bleibt ein Treppenwitz der Geschichte.

Die Reeducation sprich Umerziehung mit seinen weitreichenden Folgen bis in die heutige Zeit schuf die „Fraktion“ der „verfassungspatriotischen Denkbegrenzer“. Da die staatlichen deutschen Stellen rigoros alles auch nur im entferntesten an Nationalstolz, nationaler Identität und nationalem Bewußtsein „heraus operierte“, eliminierte und mit allen Mitteln nach wie vor bekämpft, entstand eine „Nation“ oder besser eine amorphe Masse an Menschen, denen persönliche Ziele alles, Dienst an der Allgemeinheit aber gar nichts bedeutet. Menschen dieser Denkart kann nicht vermittelt werden, was den gemeinen Soldaten im 1. wie im 2. Weltkrieg (auch) antrieb. Da Hintergrundwissen gezielt unterbunden wird (weil nicht erwünscht), bleibt dem dennoch Suchenden (nur) der hürdenreiche Weg der eigenen Recherche. Offizielle Unterstützung wird nur in den Fällen gewährt, in denen das Ergebnis nicht offen, sondern vorbestimmt ist. Alles unterliegt der bereits zitierten Prämisse „der Zweck heiligt die Mittel“. Erst seit wenigen Jahren wird offiziell wahrgenommen, daß Deutsche nicht nur Täter, sondern auch Opfer waren. Die Protagonisten dieser Denkrichtung wissen offenbar nicht, dass geschichtliche Zusammenhänge nur dann verstanden werden können, wenn die Denkweisen und Zwänge der Menschen damals berücksichtigt werden. Im Nachhinein weiß man immer alles besser. Wer meint, er könne über menschliche Handlungsweisen urteilen, möge selbstkritisch überlegen, was er selbst – im Falle des Falles – getan hätte. Der Versuch Geschehnisse von damals allein mit dem heutigen Wissensstand zu beurteilen, zeitigt auf jeden Fall falsche Ergebnisse. Man kann nur „Beweise“ sammeln und dann überlegen, wie es dazu kommen konnte.

Menschen brauchen Identifikation. Heute und vor allem in Deutschland mehr denn je. Wer dieses natürliche Bedürfnis ignoriert, braucht sich nicht zu wundern, wenn „Seelenfänger“ diesen Umstand nutzen bzw. ausnutzen. Es ist ein allgemein akzeptierter Leitsatz der Politik, daß man ein Thema nur dann beherrschen kann, wenn man es vorher besetzt. Staatliche Stellen oder Streitkräfte die dieses übergehen bzw. negieren, müssen sich nicht wundern, wenn Diskussionen (wo auch immer) entgleisen, aus dem Ruder laufen. Das hatten auch die Machthaber der DDR begriffen und so kam es in den 80er Jahren zu einer Wiederentdeckung Preußens und seiner Traditionen … obgleich schon zu meiner Bundeswehrzeit, die 1971 begann, die NVA als die „deutschere“ Armee galt …

Sind die Fraktionen der Gutmenschen und Denkbegrenzer in weiten Teilen amorphe Masse, trifft das auf die Gruppe der konservativen Patrioten in keiner Weise zu. Die „Gründe“ und Heimatplätze sind so vielfältig wie weiland im 19. Jahrhundert die deutschen Lande „von der Maas bis an die Memel“. Es ist also recht schwierig bis unmöglich, generelle Aussagen zu machen. Sie leben von dem (wahren) Körnchen, die jedes „Märchen“ enthält. Ihre Anliegen sind z. T. berechtigt, z. T. überzogen. Allen gemein ist, daß sie auf Versäumnisse offizieller (deutscher) Stellen reagieren und u. a. ein (berechtigtes) Informationsbedürfnis stillen. Fehlinformationen kann man nur begegnen, in dem man die richtigen Daten veröffentlicht. Geistige Gegner eliminiert man nicht mit Denkverboten, „Bücherverbrennungen“, schwarzen Indexlisten und Internetblockaden, sondern mit  argumentativen Offensiven … 

Die Gruppe der (nichtgenannten) inofiziellen Historiker

Es gab schon immer historisch interessierte Bürger, Freizeit-Forscher, mit z.T. beachtlichem fachlichem Niveau. Bis vor etwa 20 Jahren war diese Tätigkeit mehr mühselig als erfolgreich. Erst seit der Existenz des Internets erlebt dieser „Berufsstand“ einen ungeahnten Aufschwung – und dies vor allem unter Nicht-Kriegsteilnehmern, Menschen mit der „Gnade der späten Geburt“ (Zitat Helmut Kohl). Was treibt einen jungen Menschen, der persönlich keinen Krieg miterlebt hat, dazu, sich mit militärischen Themen zu beschäftigen ? Die Lust am Töten, am Krieg an sich ? Wohl kaum. Es hat etwas mit Identifikation zu tun. Mit der Suche nach den (eigenen) Wurzeln. Freizeit-Historiker frönen also keiner (unbefriedigten) Aggressionslust oder ähnlichen Obsessionen, sondern geben nur einem Impuls nach, der das eigene Sein hinterfragt. Sie akzeptieren nicht den Schein. Das unterscheidet sie fundamental von den „Alleinunterhaltern“ der mehrfach genannten Fraktionen. Sie sind sich nicht selbst genug, sondern brauchen die Interaktion, die geistige „Befruchtung“ durch entgegengesetzte Ansichten.

 

Abschlußbetrachtung

Im Deutschland der letzten 60 Jahre fanden vielfach „Geisterdiskussionen“ statt, oder besser gesagt: Monologe ins Leere (Off), Rundum- bzw. Rundfunk-Ausstrahlungen ohne Feedback. Jeder „Sender“ bestrahlte seine Anhänger … Zielgruppen kann man dazu wahrlich nicht sagen. Daß, was man einen (lebendigen) Dialog nennt, fand auf weiten Strecken nicht statt. Stattdessen fand das statt, was man gerade überwunden glaubte: Denkverbote, Gesinnungsjustiz, politische Justiz. Dies ist alles weit entfernt von dem, was als Demokratie, Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit bezeichnet wird. Geistige (politische) Gegnerschaft wird nicht als pluralistischer Diskurs ausgelebt, sondern als Parallelveranstaltung ohne Interaktion. Lerneffekte können so nicht entstehen, eine Fortentwicklung der gesellschaftlichen Kräfte schon gar nicht. Die deutsche Spezialität des lamentierenden Nabelbeschauens erfährt hier eine negative Steigerung, deren Ende leider nicht absehbar ist. Ein Wettbewerb ohne Mitbewerber zeitigt vorhersehbare Ergebnisse aber keine Leistung. Ein Dialog ohne Reflektion der gegnerischen Positionen ist kein Dialog, sondern ein Monolog. Ein (Print)Medium, das Leserbriefe zensiert, sprich selektiv unterdrückt, stellt nicht die Wirklichkeit dar, sondern eine gewollte Kulisse, die den Inszenierungen bestimmter diktatorischer Regime gespenstisch nahe ist. Auch offizielle Organe dürfen sich nicht dem Anspruch einer pluralistischen Gesellschaft entziehen, die Deutschland (zumindest offiziell) ist. Leserbriefe sind klar als eigene Meinungen deklariert, eine Nicht-Erwähnung nur insofern akzeptierbar, als es gleich lautende, ähnliche Briefe gibt, die letztendlich zum Abdruck kommen. Dies ist (nach eigenen persönlichen Erfahrungen) regelmäßig nicht der Fall. Leider trifft diese Einschätzung auf weite Teile des deutschen Blätterwaldes zu.

Die deutsche Diskussionskultur ist unterentwickelt und notorisch durch Minderwertigkeits- und Argumentationsschwächen gezeichnet. Positionen anderer Denkweisen werden übergangen, lächerlich gemacht aber nicht (ernsthaft) diskutiert. Am Schluß zählt nicht das Ergebnis der ungewollten Synthese, sondern das (gewollte) Bild von einem selbst. Humoristisch könnte man meinen, daß dies Ähnlichkeiten mit dem Verständnis von Mann und Frau hat – „praktisch nicht möglich“ … lediglich eine gewisse Koexistenz (also nebeneinander) und immerwährendes Unverständnis sind sicher …

 
Im Frühjahr 2006 / Sommer 2008

Harry C. Redner






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