Die Legende des Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck"
Kriegsbeginn August 1914
Nach Ausbruch des Krieges wird das 1. Luftschiffer-Bataillon in Berlin-Tegel zur
Luftschiffer-Ersatz-Abteilung. In Tegel erfolgte bereits in
früheren Zeiten die Ausbildung der Feldluftschiffertruppen,
die sich mit der Gefechtsfeldaufklärung mittels Fesselballonen
beschäftigen. Nach der Einnahme von Brüssel am 20. August
1914 werden dort Maßnamen zur Anlegung von Luftschiffhäfen
(Hallenbau usw.) getroffen. In der "Euphorie" und Unkenntnis der
tatsächlichen Bedürfnisse setzen die oberen Militärbehörden innerhalb kürzester
Zeit nicht weniger als sechs Luftschifftrupps an die Westfront in
Marsch (mit jeweils um die 250 Mann Besatzungsstärke).
Diese Luftschifftrupps sind eigentlich als Bodenpersonal zur Bedienung
von Lenkluftschiffen gedacht. In Ermangelung einer vorhandenen
Infrastruktur und den dazugehörigen Luftschiffen werden sie
vorerst als Bautrupps und/oder als Infanterie-Hilfstruppen verwendet. Am 5. September 1914 übernimmt
Major Schulze (ehemals Luftschiffer-Bataillon 3 in Köln) das
Kommando. Damit beginnt die Neustrukturierung der Truppen.
Maubeuge
wird am 7. September besetzt, der Luftschifftrupp 7 (für
Lenkluftschiffe) in der Folge von Brüssel aus dorthin in Marsch
gesetzt. Es
folgt am 13.9. der Marschbefehl für die bayerischen
Feldluftschiffer (Bayerischer Luftschifftrupp Nr. 1), auch zum
(künftigen) Lufthafen Maubeuge. In Brüssel wartet derweil
eine von
der Ausbildung her bunte Truppe. In Ermangelung von wirklichen
militärischen Aufgaben im Bereich Luftschiffahrt /
Feldluftschifferei werden die Luftschiffer (vorerst) für
infanteristische Aufgaben eingesetzt. Mit Wirkung vom 15. November 1914
wird das Luftschifferbataillon "Stollwerck" mit Sitz in Brüssel
etabliert. Später gehen nach und nach Teile der anfangs runde
1.500 Mann umfassenden Luftschiffer-Einheit an andere Standorte und in
andere Unterstellungsverhältnisse. Major Schulze beklagt zwar,
daß ihm 760 Mann genommen werden, die er gut für den Aufbau
der drei Lufthäfen in Brüssel gebrauchen könnte, aber er
setzt sich nicht durch. Dieser "Aderlaß" drückt sich
namentlich dadurch aus, daß am 26. April 1915 der Name des
Bataillons auf "Luftschiffer-Bataillon Brüssel" verkürzt
wird. Gleichwohl bleibt der einmal gegebene Name der Nachwelt und im
Bewußtsein der Soldaten erhalten.
Die Namensgebung "Stollwerck" für die Luftschiffer in Brüssel soll (offensichtlich) integrierend wirken.
Tatsächlich werden die "abgesprengten" Heeres-Einheitsteile Ihre
Briefstempel bis Kriegsende nutzen. Auch in den übergeordneten
Behörden bzw. Kommandoteilen wird immer wieder der Name
"Stollwerck" verwendet. Im preußischen deutschen Heer waren die
Feldluftschiffer bis Mitte 1914 in Berlin konzentriert. Zu
Übungseinsätzen trafen sich diese Ballonsoldaten u.a. immer
wieder auf dem weitläufigen Geländer der Stollwerck-Fabrik in Marienfelde.
Aus dieser Zeit stammte auch die (eigentlich) scherzhafte Bezeichnung
"Stollwercker" für die Berliner Feldluftschiffer.
Im ausgehenden Jahr 1914 ist die Feldluftschiffer-
bzw. Ballonwaffe noch nicht so weit verbreitet wie in den Jahren 1917
bis 1918. Im meeresnahen Flandern ergeben sich naturgemäß
Überschneidungen im miliärischen Tun von Heereseinheiten und
Marine-Infanterie-Truppen. Aus administrativen Gründen, also zur
praktischen Versorgung mit Material, werden die Feldluftschiffer der
jeweils nächsten größeren Heereseinheit unterstellt.
Operativ werden sie direkt den Einsatzstäben der Armeen bzw. der
Obersten Heeresleitung (OHL) geführt. Im Brüsseler
Bereich bleibt der etwa 750 Mann umfassende Haupteil der
"Stollwercker". Zwei Kompanien der "Stollwercker" mit jeweils rund
250 Mann (plus 20 Unteroffiziere, 1 Offizier) werden an die 4.
Armee und die 5. Armee abgegeben, eine Kompanie wird zur
Marine-Fesselballon-Abteilung umgebildet.
Traditionsbewußte "Stollwercker" - Einsatz ab Mitte 1915
Die
Luftschiffer in Brüssel arbeiten nun (wie ursprünglich
vorgesehen) als Bodenpersonal für die Lenkluftschiffe von Heer und
Marine. Die anderen "Stollwercker" waren nun (auch wie
ursprünglich vorgesehen - wieder) für Fesselballone
zuständig. Die Namensbezeichnungen der ihnen übergeordneten
Dienststellen verwirren den ungeübten Betrachter (zu denen sich
auch der Webmaster zählt). Es wird daher um Nachsicht gebeten,
wenn sich Irrtümer in der Wiedergabe einschleichen. Hier die bis
dato bekannten Orte bzw. Unterstellungen (so weit bekannt):
1. Kompanie (ehemals Teil des Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck" - der Poststempel wird weiterhin verwendet !)
- ab 9. Juli 1915 im Großraum Verdun (5. Armee - 12. Reserve-Division)
2. Kompanie (ehemals Teil des Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck" - der Poststempel wird weiterhin verwendet !)
- ab 24. Juni 1915 im Großraum Flandern, die Front verlief zu diesem Zeitpunkt auf der Linie Diksmuide-Merkem-Bikschote
(4. Armee - Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 18 / 92. Reserve-Infanterie-Brigade / 46. Reserve-Division / XXIII. Reseve-Korps)
- Kompanieführer ist der Hauptmann (?) Weltring
- im Dezember 1914 liegén die Luftschiffer in Houthulst (GoogleMaps) in Ruhestellung -
siehe auch Feldluftschiffer-Gefechtsbericht "Der Adler vom Houlthulster Wald" (aus: "In der Luft unbesiegt" / Neumann - 1923)
Marine-Fesselballon-Abteilung in Flandern
Während
es von der 1. wie auch 2. Kompanie der Heeres-Feldluftschiffer zahllose
philatelistische Postbelege gibt, sind Belege von der
Marine-Fesselballon-Abteilung relativ selten. Das Besondere ist in
diesem Fall auch die "Nichtverwendung" eines entsprechenden
"Stollwerck"-Stempels wie es die Kameraden von der 1. und 2. Kompanie
bis Kriegsende praktizieren. Die neuen "Mariner" sind bis
zum Ende der
Kriegshandlungen direkt an der flandrischen Küste in Bredene
(Nähe Ostende - siehe GoogleMaps)
stationiert. Teile der Einheit bzw. Ballone mit den Bedienmannschaften
lagen für kurze Zeit auch in Gistel-Zevekote (siehe GoogleMaps) und Brügge St. Michiels (siehe GoogleMaps). Die Einheit wird bis Ende des
Krieges durch Leutnant Otto Josef Mallmann kommandiert (siehe unter bei Hauptmann Stein).
Im
November 1917 holt die Marinetruppen in Flandern die militärische
Wirklichkeit ein.
Die Verteidigung der Küste läßt sich nicht mehr klar
in Aufgaben für Marine und Heer aufteilen. Anforderungen und
Kampf werden immer ähnlicher. Das hat sich u.a. darin gezeigt,
daß die marinen Landflieger im Oktober 1915 eine
Einheitsbezeichnung analog zu den Heeresfliegern bekommen und sich ab
dann Marine-Feldflieger nennen. Die Marine-Fesselballon-Abteilung
(MFBA) wird
namensmäßig nun zur "Feldluftschiffer-Abteilung 47" (FLA).
Es ist anzunehmen, daß die MFBA identisch war mit der
Marine-Feldluftschiffer-Kompanie (siehe unten bei Hauptmann Stein).
Diese Kompanie wird also umgewandelt in eine heeresmäßige
FLA. Ihr
unterstellt sind Ballonzüge (I - III). Später werden die
Namen der Ballonzüge erneut wie folgt modifiziert:
-
Ballonzug I wird zum Ballonzug 133
(stationiert in Knokke - GoogleMaps)
- Ballonzug II wird zum Ballonzug 134 (stationiert in Stene - GoogleMaps)
- Ballonzug III wird zum Ballonzug 135 (stationiert in Wenduine - GoogleMaps)
- den Ballonzügen war zusätzlich ein Marine-Lichtbild-Trupp zugeordnet
Eddy Lambrecht berichtet in seinem Buch
"1914 - 1918 Zij vielen uit de hemel" (2008 publiziert, auf den
Seiten 157 ff., siehe auch niederländisches Forum Eerste Wereldoorlog), daß die marinen Feldluftschiffer der FLA 47 von
Hauptmann von Frankenberg kommandiert werden. Es ist bis dato noch
unklar, ob Frankenberg dem Stab vorstand oder eine andere Funktion
hatte. Laut dem Schriftwechsel zwischen dem Kommandierenden General
der Luftstreitkräfte (KoGenLuft) und dem Admiralstab der Marine wird
die ehemalige MFBA, die fast gänzlich von Heeressoldaten gestellt
wird - trotz nun nomineller Zuordnung zum Heer als FLA 47 - weiterhin
dem Marinekorps Flandern zur Verfügung stehen (siehe Dokumente
Mikrofilm: LZC-(NARA)(T1022-# 1186)-107-465 und -466).
Aus der optische Übersicht zu den Ballonzügen und anderen Einheiten wie der Marine-Drachen-Station (siehe Seedrachenwarten des Marine Luftfahr Wetterdienstes in FAQ 33
Wetterorganisation) ergibt sich die Überlegung welche der
Einheiten "doppelt" ist, will sagen: wer wurde verlegt unter anderem /
neuen Namen. Ich bevorzuge die Festungsluftschiffer-Abteilung 29
aus Wilskerke / Leffinge. Durch die Straffung der Organisation
dürfte es zu Synergie-Effekten gekommen sein. Dem Forschungsstand
nach hatte jeder Ballonzug eine fest zugeteilte Batterie, der er
Aufklärungsergebnisse für die Artillerie lieferte.
Der Ballonzug I in Knokke bedient allein drei Großbatterien ("Braunschweig" 4 x 28 cm + "Kaiser Wilhelm" 4 x 30,5 cm (Reichweite 37,5 Kilometer) + "Schleswig-Holstein" 2 x 17 cm) plus diverse kleinere Batterien Der
Ballonzug II in Stene arbeitete für die Batterie "Tirpitz" (4 x 28 cm - Reichweite 35 Kilometer). Der Ballonzug III in Wenduine bediente die Batterie "Hertha" ( 4 x 21 cm), die Luftschiffer in Wijnendale observierten für die Batterie "Pommern" (1 x 38 cm - Reichweite 47 Kilometer !) in Koekelare. Bleibt also zu erforschen welcher Ballonzug nach Wijnendale
/ Koekelare verlegt wurde. - Nach Vergleich der Lage der einzelnen
Batterien und deren Bestückung respektive Reichweiten schält
sich klar heraus, daß die Batterie "Hertha" am ehesten ersetzt
werden konnte, da die Stellungen in Knokke ihren Einflußbereich
leicht überstreichen konnten. Gerade über See wurden die
Aufgaben der Ballone vielfach auch von Flugzeugen wahrgenommen. Es
scheint daher zwingend, daß der Ballonzug III von Wenduine nach
Koekelare / Wijnendale verlegt wurde, so
daß bis kurz Kriegsende (etwa 18. Oktober 1918 - Rückzug der
deutschen Truppen aus Flandern) die Ballonstandorte neben dem
vorgenannten Stene und Knokke blieben.
Ballonzüge respektive Feldluftschiffer an der flandrischen Küste
Noch endgültig zu klärende Sachverhalte:
Bei
den Recherchen zur Marine-Fesselballon-Abteilung und ihre
Nachfolge-Organisationen wird immer wieder die
Festungsluftschiffer-Abteilung 29 unter Leutnant Möschke
(der Ballon stand in Wilskerke, stationiert war die Einheit offiziell in Leffinge) sowie eine Einheit namens "Marine Luftschiffer Abteilung" (stationiert in Wijnendale - siehe GoogleMaps) unter
Hauptmann Stein erwähnt. Laut Admiralstab der Marine (Dokunment
Mikrofilm "T 1022 - 1185 - 109-108" handelt es sich dabei um die
Marine-Feldluftschiffer-Kompanie unter (noch) Oberleutnant Stein. Diese
Feldluftschiffer bzw. Ballon-Einheit erlangt bei dem Projekt
"Unternehmen Stein" (Zeitraum ab Januar bis März 1915) große
Bedeutung. Die Idee war, die seit August 1914 mit Deutschland /
Österreich-Ungarn (passiv) verbündete und seit dem 12.
Novmber1914 aktiv in den Krieg eingetretene Türkei mit Munition zu
versorgen, indem Ballone diese via Luftweg über bulgarisches
Terretorium transportieren. Das Ganze scheiterte (allerdings) an (noch)
fehlenden Kooperation Bulgariens und an technischen
Unzulänglichkeiten (fehlende Hallen in Südungarn, mangelnde
Transportfähig der Ballone, nur jeweils 600 Kilogramm Nutzlast
möglich/vorgesehen). Ab dem 16. September 1915 gab es den
Bündnisvetrag zwischen den Mittelmächten und Bulgarien - da
war die Idee des Lufttransports erledigt, da nun der Transport via
Fluß (Donau) und Eisenbahn möglich war.
Festungs-Luftschiffertrupp No. 29 - stationiert in Ostende
Links
THE AERO CONSERVANCY - Startseite - "Photos from a Marine Observation Balloon" (Ballonzug 133 / Knokke) - Seite (Frame) -
Wikipedia "Feldluftschiffer"
Wikipedia "Stollwerck"
Ludwig Stollwerck
Schokoladenseite
Ruhezeit in Handzaeme und Barsdamhoek
Homepage "Stollwerck"