Arbeitskreis
für Marine- und Heeres- sowie Luftschiff- und Seeflieger-Geschichte




Luftschiffer-Bataillon "Stollwerck"

Es gab die Besonderheit einer mit einem Widmungsnamen versehenen Luftschiffer-Einheit, die des 
Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck", das sich nur mit Fesselballonen zur Gefechtsfeld-Aufklärung befaßte. Obwohl der Namensgeber, der Schokoladen-Konzern "Stollwerck", zu Beginn des Weltkrieges 1914 viele Produktionsstätten besaß, geschah die Namensgebung (vermutlich) mit historischem Bezug zur Berliner Fabrik. Die Informationslage zu dieser Einheit ist sehr spärlich. In heutiger Zeit kursieren diverse Feldpostbelege von Soldaten des Bataillons. Diese schriftlichen Zeugnisse sagen aber leider in der Regel nichts zur Vorgeschichte der Formation.  Im Berliner Stadtteil Marienfelde gab es ein Zweigwerk des Kölner Schokoladenkonzerns, der in der Geschichte der Ballon- und Luftschiffahrt immer wieder namentlich auftaucht. So als Ballon "Stollwerck" im Kölner Raum und als Namen für das Parseval-Luftschiff  PL 6 "Stollwerck", das vorwiegend als Reklameluftschiff fuhr. Den mündlichen Überlieferungen nach, die dem Webmaster erinnerlich sind, gab es auf dem Berliner Werksgelände von "Stollwerck" einen Ballontrupp, der die Aufstiege der Werbeballone und Luftschiffe wie den PL 6 unterstützte. Ob es sich dabei um Soldaten und/oder zivile Arbeiter handelte ist unklar.

Im Kriege waren die Untergliederungen bzw. Nachfolgeorganisationen des Bataillons verschiedenen Truppenteilen des Heeres bzw. der Marine wie der 12. Reserve-Division (5. Armee "Kronprinz") unterstellt (hier - 1. Kompanie) sowie der 
46. Reserve-Division (hier - 2. Kompanie). Einzelheiten dazu siehe weiter unter. Am 15. November 1915 werden die in Brüssel versammelten rund 1.500 Luftschiffersoldaten (das sind in diesem Fall Einheiten, die sich ursprünglich mit Lenkluftschiffen wie auch mit Fesselballonen beschäftigen) zum Luftschiffer-Bataillon "Stollwerck" umgegliedert. Die Informationslage bleibt verworren. Auch bei unserem verehrten Freund Jürgen Schneevogt (Heft 3 - "Luftschifftrupps, -landungskommandos und Hallenbautrupps") finden sich leider nur fragmentarische Informationen ...
.... siehe den Versuch einer Einheitsgeschichte dieses Bataillons (weiter unten) ...

Gesucht werden vor allem Informationen zur Vorgeschichte des Bataillons in Berlin Marienfelde (Aufstellung, Personal, "Stollwercker" Firmengeschichte Berlin). Aber auch die Dislozierung dieser ungewöhnlichen Einheit ab August 1914 ist nur streckenweise bekannt. Hier können vielleicht insbesondere die Sammler von Feldpost-Belegen helfen ...




Feldpostbeleg der 2. Kompanie des Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck"



Die Legende des Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck"


Kriegsbeginn August 1914
Nach Ausbruch des Krieges wird das 1. Luftschiffer-Bataillon in Berlin-Tegel zur Luftschiffer-Ersatz-Abteilung. In Tegel erfolgte bereits in früheren Zeiten die Ausbildung der Feldluftschiffertruppen, die sich mit der Gefechtsfeldaufklärung mittels Fesselballonen beschäftigen. Nach der Einnahme von Brüssel am 20. August 1914 werden dort Maßnamen zur Anlegung von Luftschiffhäfen (Hallenbau usw.) getroffen. In der "Euphorie" und Unkenntnis der tatsächlichen Bedürfnisse setzen die oberen Militärbehörden innerhalb kürzester Zeit nicht weniger als sechs Luftschifftrupps an die Westfront in Marsch  (mit jeweils um die 250 Mann Besatzungsstärke). Diese Luftschifftrupps sind eigentlich als Bodenpersonal zur Bedienung von Lenkluftschiffen gedacht. In Ermangelung einer vorhandenen Infrastruktur und den dazugehörigen Luftschiffen werden sie vorerst als Bautrupps und/oder als Infanterie-Hilfstruppen verwendet. Am 5. September 1914 übernimmt Major Schulze (ehemals Luftschiffer-Bataillon 3 in Köln) das Kommando. Damit beginnt die Neustrukturierung der Truppen.

Maubeuge wird am 7. September besetzt, der Luftschifftrupp 7 (für Lenkluftschiffe) in der Folge von Brüssel aus dorthin in Marsch gesetzt. Es folgt am 13.9. der Marschbefehl für die bayerischen Feldluftschiffer (Bayerischer  Luftschifftrupp Nr. 1), auch zum (künftigen) Lufthafen Maubeuge. In Brüssel wartet derweil eine von der Ausbildung her bunte Truppe. In Ermangelung von wirklichen militärischen Aufgaben im Bereich Luftschiffahrt / Feldluftschifferei  werden die Luftschiffer (vorerst) für infanteristische Aufgaben eingesetzt. Mit Wirkung vom 15. November 1914 wird das Luftschifferbataillon "Stollwerck" mit Sitz in Brüssel etabliert. Später gehen nach und nach Teile der anfangs runde 1.500 Mann umfassenden Luftschiffer-Einheit an andere Standorte und in andere Unterstellungsverhältnisse. Major Schulze beklagt zwar, daß ihm 760 Mann genommen werden, die er gut für den Aufbau der drei Lufthäfen in Brüssel gebrauchen könnte, aber er setzt sich nicht durch. Dieser "Aderlaß" drückt sich namentlich dadurch aus, daß am 26. April 1915 der Name des Bataillons auf "Luftschiffer-Bataillon Brüssel" verkürzt wird. Gleichwohl bleibt der einmal gegebene Name der Nachwelt und im Bewußtsein der Soldaten erhalten.
        Die Namensgebung "Stollwerck" für die Luftschiffer in Brüssel soll 
(offensichtlich) integrierend wirken. Tatsächlich werden die "abgesprengten" Heeres-Einheitsteile Ihre Briefstempel bis Kriegsende nutzen. Auch in den übergeordneten Behörden bzw. Kommandoteilen wird immer wieder der Name "Stollwerck" verwendet. Im preußischen deutschen Heer waren die Feldluftschiffer bis Mitte 1914 in Berlin konzentriert.  Zu Übungseinsätzen trafen sich diese Ballonsoldaten u.a. immer wieder auf dem weitläufigen Geländer der Stollwerck-Fabrik in Marienfelde. Aus dieser Zeit stammte auch die (eigentlich) scherzhafte Bezeichnung "Stollwercker" für die Berliner Feldluftschiffer.
        Im ausgehenden Jahr 1914 ist die Feldluftschiffer- bzw. Ballonwaffe noch nicht so weit verbreitet wie in den Jahren 1917 bis 1918. Im meeresnahen Flandern ergeben sich naturgemäß Überschneidungen im miliärischen Tun von Heereseinheiten und Marine-Infanterie-Truppen. Aus administrativen Gründen, also zur praktischen Versorgung mit Material, werden die Feldluftschiffer der jeweils nächsten größeren Heereseinheit unterstellt. Operativ werden sie direkt den Einsatzstäben der Armeen bzw. der Obersten Heeresleitung (OHL) geführt. Im Brüsseler Bereich bleibt der etwa 750 Mann umfassende Haupteil der "Stollwercker". Zwei Kompanien der "Stollwercker" mit jeweils rund 250 Mann (plus 20 Unteroffiziere, 1 Offizier) werden  an die 4. Armee und die 5. Armee abgegeben, eine Kompanie wird zur Marine-Fesselballon-Abteilung umgebildet.

Traditionsbewußte "Stollwercker" - Einsatz ab Mitte 1915
Die Luftschiffer in Brüssel  arbeiten nun (wie ursprünglich vorgesehen) als Bodenpersonal für die Lenkluftschiffe von Heer und Marine. Die anderen "Stollwercker" waren nun (auch wie ursprünglich vorgesehen - wieder) für Fesselballone zuständig. Die Namensbezeichnungen der ihnen übergeordneten Dienststellen verwirren den ungeübten Betrachter (zu denen sich auch der Webmaster zählt). Es wird daher um Nachsicht gebeten, wenn sich Irrtümer in der Wiedergabe einschleichen. Hier die bis dato bekannten Orte bzw. Unterstellungen (so weit bekannt):

1. Kompanie (ehemals Teil des Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck" - der Poststempel wird weiterhin verwendet !)
- ab 9. Juli 1915 im Großraum Verdun (5. Armee - 12. Reserve-Division)


2. Kompanie (ehemals Teil des Luftschiffer-Bataillons "Stollwerck" - der Poststempel wird weiterhin verwendet !)
- ab 24. Juni 1915 im Großraum Flandern, die Front verlief zu diesem Zeitpunkt auf der Linie Diksmuide-Merkem-Bikschote
   (
4. Armee - Reserve-Jäger-Bataillon Nr. 18 / 92. Reserve-Infanterie-Brigade / 46. Reserve-Division / XXIII. Reseve-Korps)
- Kompanieführer ist der Hauptmann (?) Weltring
- im Dezember 1914 liegén die Luftschiffer in Houthulst (GoogleMaps) in Ruhestellung -
  siehe auch Feldluftschiffer-Gefechtsbericht "Der Adler vom Houlthulster Wald" (aus: "In der Luft  unbesiegt" / Neumann - 1923)


Marine-Fesselballon-Abteilung in Flandern
Während es von der 1. wie auch 2. Kompanie der Heeres-Feldluftschiffer zahllose philatelistische Postbelege gibt,  sind Belege von der Marine-Fesselballon-Abteilung relativ selten. Das Besondere ist in diesem Fall auch die "Nichtverwendung" eines entsprechenden "Stollwerck"-Stempels wie es die Kameraden von der 1. und 2. Kompanie bis Kriegsende praktizieren. Die neuen "Mariner" sind bis zum Ende der Kriegshandlungen direkt an der flandrischen Küste in Bredene (Nähe Ostende - siehe GoogleMaps) stationiert. Teile der Einheit bzw. Ballone mit den Bedienmannschaften lagen für kurze Zeit auch in Gistel-Zevekote (siehe GoogleMaps)  und Brügge St. Michiels (siehe GoogleMaps). Die Einheit wird bis Ende des
Krieges durch Leutnant Otto Josef Mallmann kommandiert (siehe unter bei Hauptmann Stein).

Im November 1917 holt die Marinetruppen in Flandern die militärische Wirklichkeit ein. Die Verteidigung der Küste läßt sich nicht mehr klar in Aufgaben für Marine und Heer aufteilen. Anforderungen und Kampf werden immer ähnlicher. Das hat sich u.a. darin gezeigt, daß die marinen Landflieger im Oktober 1915 eine Einheitsbezeichnung analog zu den Heeresfliegern bekommen und sich ab dann Marine-Feldflieger nennen. Die Marine-Fesselballon-Abteilung (MFBA) wird namensmäßig nun zur "Feldluftschiffer-Abteilung 47" (FLA). Es ist anzunehmen, daß die MFBA identisch war mit der Marine-Feldluftschiffer-Kompanie (siehe unten bei Hauptmann Stein). Diese Kompanie wird also umgewandelt in eine heeresmäßige FLA. Ihr unterstellt sind Ballonzüge (I - III). Später werden die Namen der Ballonzüge erneut wie folgt modifiziert:

- Ballonzug I        wird zum Ballonzug 133     (stationiert in Knokke - GoogleMaps)
-
Ballonzug II       wird zum Ballonzug 134     (stationiert in Stene - GoogleMaps)
-
Ballonzug III      wird zum Ballonzug 135     (stationiert in Wenduine - GoogleMaps)
- den Ballonzügen war zusätzlich ein Marine-Lichtbild-Trupp zugeordnet

Eddy Lambrecht berichtet in seinem Buch "1914 - 1918 Zij vielen uit de hemel" (2008 publiziert, auf den Seiten 157 ff., siehe auch niederländisches Forum Eerste Wereldoorlog), daß die marinen Feldluftschiffer der FLA 47 von Hauptmann von Frankenberg kommandiert werden. Es ist bis dato noch unklar, ob Frankenberg dem Stab vorstand oder eine andere Funktion hatte. Laut dem Schriftwechsel zwischen dem Kommandierenden General der Luftstreitkräfte (KoGenLuft) und dem Admiralstab der Marine wird die ehemalige MFBA, die fast gänzlich von Heeressoldaten gestellt wird - trotz nun nomineller Zuordnung zum Heer als FLA 47 - weiterhin dem Marinekorps Flandern zur Verfügung stehen (siehe Dokumente Mikrofilm: LZC-(NARA)(T1022-# 1186)-107-465 und -466).  Aus der optische Übersicht zu den Ballonzügen und anderen Einheiten wie der Marine-Drachen-Station (siehe Seedrachenwarten des  Marine Luftfahr Wetterdienstes in FAQ 33 Wetterorganisation) ergibt sich die Überlegung welche der Einheiten "doppelt" ist, will sagen: wer wurde verlegt unter anderem / neuen Namen. Ich bevorzuge die Festungsluftschiffer-Abteilung 29 aus Wilskerke / Leffinge. Durch die Straffung der Organisation dürfte es zu Synergie-Effekten gekommen sein. Dem Forschungsstand nach hatte jeder Ballonzug eine fest zugeteilte Batterie, der er Aufklärungsergebnisse für die Artillerie lieferte.
        Der Ballonzug I in Knokke bedient allein drei Großbatterien ("Braunschweig" 4 x 28 cm + "Kaiser Wilhelm" 4 x 30,5 cm (Reichweite 37,5 Kilometer) + "Schleswig-Holstein" 2 x 17 cm) plus diverse kleinere Batterien Der Ballonzug  II in Stene arbeitete für die Batterie "Tirpitz" (4 x 28 cm - Reichweite 35 Kilometer). Der Ballonzug III in Wenduine bediente die Batterie "Hertha" ( 4 x 21 cm), die Luftschiffer in Wijnendale observierten für die Batterie "Pommern" (1 x 38 cm - Reichweite 47 Kilometer !) in Koekelare. Bleibt also zu erforschen welcher Ballonzug nach 
Wijnendale / Koekelare verlegt wurde. - Nach Vergleich der Lage der einzelnen Batterien und deren Bestückung respektive Reichweiten schält sich klar heraus, daß die Batterie "Hertha" am ehesten ersetzt werden konnte, da die Stellungen in Knokke ihren Einflußbereich leicht überstreichen konnten. Gerade über See wurden die Aufgaben der Ballone vielfach auch von Flugzeugen wahrgenommen. Es scheint daher zwingend, daß der Ballonzug III von Wenduine nach Koekelare / Wijnendale verlegt wurde, so daß bis kurz Kriegsende (etwa 18. Oktober 1918 - Rückzug der deutschen Truppen aus Flandern) die Ballonstandorte neben dem vorgenannten Stene und Knokke blieben.




Ballonzüge respektive Feldluftschiffer  an der flandrischen Küste



Noch endgültig zu klärende Sachverhalte:
Bei den Recherchen zur Marine-Fesselballon-Abteilung und ihre Nachfolge-Organisationen wird immer wieder die Festungsluftschiffer-Abteilung 29 unter Leutnant Möschke (der Ballon stand in Wilskerke, stationiert war die Einheit offiziell in Leffinge)  sowie eine Einheit namens "Marine Luftschiffer Abteilung"
(stationiert in Wijnendale - siehe GoogleMaps) unter Hauptmann Stein erwähnt. Laut Admiralstab der Marine (Dokunment Mikrofilm "T 1022 - 1185 - 109-108"  handelt es sich dabei um die Marine-Feldluftschiffer-Kompanie unter (noch) Oberleutnant Stein. Diese Feldluftschiffer bzw. Ballon-Einheit erlangt bei dem Projekt "Unternehmen Stein" (Zeitraum ab Januar bis März 1915) große Bedeutung. Die Idee war, die seit August 1914 mit Deutschland / Österreich-Ungarn (passiv) verbündete und seit dem 12. Novmber1914 aktiv in den Krieg eingetretene Türkei mit Munition zu versorgen, indem Ballone diese via Luftweg über bulgarisches Terretorium transportieren. Das Ganze scheiterte (allerdings) an (noch) fehlenden Kooperation Bulgariens und an technischen Unzulänglichkeiten (fehlende Hallen in Südungarn, mangelnde Transportfähig der Ballone, nur jeweils 600 Kilogramm Nutzlast möglich/vorgesehen). Ab dem 16. September 1915 gab es den Bündnisvetrag zwischen den Mittelmächten und Bulgarien - da war die Idee des Lufttransports erledigt, da nun der Transport via Fluß (Donau) und Eisenbahn möglich war.



Festungs-Luftschiffertrupp No. 29 - stationiert in Ostende



Links    


THE AERO CONSERVANCY - Startseite - "Photos from a Marine Observation Balloon" (Ballonzug 133 / Knokke) - Seite (Frame)

Wikipedia "Feldluftschiffer"
Wikipedia "Stollwerck"
Ludwig Stollwerck 
Schokoladenseite 
Ruhezeit in Handzaeme und Barsdamhoek
Homepage "Stollwerck"
Ausführungen von Johan Ryheul im Forum forumeerstewereldoorlog.nl  im Abschnitt "THE BALLOON UNITS"


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